Wohnzimmer
Ausgabe 92 · Montag, 2. Februar 2026
Die letzte Grenze
eigentlich dachte ich ja, nach dem etwas düsteren letzten „Wohnzimmer“ – Post-Anthropozän und so –, könnte ich dieses Mal etwas Leichteres und vielleicht auch Privatistisches schreiben. Aber die Welt steht nicht still und die Gedanken tun es auch nicht.
Was mich zuletzt bei der Berichterstattung über die vom ICE-Terror in Minneapolis inspirierten Songs von Bruce Springsteen, Billy Bragg, NOFX und anderen Künstler:innen ein bisschen störte, war die Feststellung vieler Kommentator:innen, der Protestsong sei nun zurück. So als hätte es in den vergangenen Jahren nicht jede Menge Lieder gegen Polizeigewalt, Rassismus, Homophobie und Queerfeindlichkeit, Misogynie, Faschismus und die Auswüchse des Kapitalismus inklusive Raubbau an Natur und Mensch gegeben.
Selbstverständlich gab es die auch schon vor Trumps Präsidentschaft. Amerika war nie das „Leuchtfeuer der Hoffnung und Freiheit“, das glühende Vorbild, als das Bruce Springsteen es in seinen patriotischen Liedern und Reden in der puritanischen Tradition der „city upon a hill“ öfter darstellt (er weiß das natürlich). Rassismus, strukturelle Gewalt, Machtstreben, Plutokratie etc. waren immer schon Teil der Geschichte des Landes. Nun werde auch die weiße Bevölkerung so dämonisiert, traumatisiert und terrorisiert wie seit Jahrhunderten die Schwarze, kommentierte der Philosoph und Theologe Cornel West die Geschehnisse in Minneapolis - „the chocolate experience has spilled over to the vanilla side“.
Das Leuchtfeuer, von dem Springsteen spricht und singt, wurde fast immer von unten entzündet – nicht von denen, die Amerika regierten und repräsentierten. Springsteen beschwört mit seiner patriotischen Rhetorik in biblischem Unterton ein heroisches Kollektiv, das für den amerikanischen Gründungsmythos kämpft (in der Zeile „We’ll take our stand for this land and the stranger in our midst“ aus „The Streets of Minneapolis“ klingt das „all men are created equal“ der Unabhängigkeitserklärung nach), weil er Amerika nicht den rechten Nationalisten überlassen will. Er will die durch Geschichte und Gegenwart arg ramponierte Idee von Amerika retten. Sein Patriotismus ist ein prophetischer Patriotismus.
Als Nicht-Amerikaner bin ich dafür überhaupt nicht empfänglich (mir ist Billie Eilishs Statement bei den Grammys gestern näher: „No one is illegal on stolen land“), aber man muss für Künstler wie Springsteen dankbar sein, die den Mund aufmachen und eine Sprache sprechen, die die Amerikaner:innen verstehen, die den Leuten dort zeigen, dass sie nicht allein sind im Kampf gegen dieses Regime. Dass die hart umkämpfte Idee von Amerika (auch MAGA bezieht sich ja darauf) noch zu retten ist, bezweifle ich allerdings. Mir scheint, es ist Zeit für eine neue Utopie von Freiheit und Gleichheit, die nicht mit dem Namen Amerika verbunden ist und die ohne große Gesten auskommt. Eine demütige Utopie, wie sie in den bereits im letzten „Wohnzimmer“ zitierten Zeilen vom neuen Bonnie „Prince“ Billy-Album erscheint: „Now we restructure the whole of society:/ Place bliss & equality right at its core;/ Make worship of love the true sign of piety/ Strive for god-like perspective/acceptance and love, nothing more.“
Ach, manchmal möchte man sich angesichts der Weltlage wie ein Mumin den Bauch mit Kiefernadeln vollschlagen, um dann einfach mal ein paar Monate Winterschlaf zu halten. Ein bisschen fühlte sich die Reise, die ich am vorvergangenen Wochenende in meine alte Heimat unternahm, um den 80. Geburtstag meines Vaters zu feiern, tatsächlich so an. Als wäre ich in einen langen Traum entschwunden.
Als mein Vater mich vom Bahnhof abholte und wir zwischen den Feldern, Wiesen und Windkrafträdern Richtung Heimatdorf juckelten, schien die Zeit rückwärts zu laufen. Auf NDR 1, in meiner Jugend der Seniorsensender des Norddeutschen Rundfunks, lief exakt die Musik, die 40 Jahre zuvor NDR 2, die Popwelle des Senders, gespielt hatte. „Wouldn’t It Be Good“ von Nik Kershaw, „Everybody Wants To Rule The World“ von Tears for Fears, „Human“ von The Human League.
Im Kopf vervollständigte ich die Playlist mit „West End Girls“ von den Pet Shop Boys, „Wonderful World“ von Black, „Life’s What You Make It“ von Talk Talk … Und schon war ich in Gedanken auf der für vier Jungs viel zu engen Rückbank des alten beigefarbenen Opel Kadett meines Trainers Matze auf dem Weg zum nächsten Auswärtsspiel der zweiten E-Jugend-Mannschaft des SV Teuto Riesenbeck.
Dass diese Lieder mich direkt auf die Straße der Erinnerung führten, hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie vor 40 Jahren wichtige emotionale Krücken beim Verarbeiten der in Hopsten, Bervergern, Ostenwalde, Recke oder Mettingen eingeholten Niederlagen waren. Auf jeden Fall fangen sie die Tristesse meiner Kindheitslandschaft, die in meiner Erinnerung immer vernebelt und verregnet ist, perfekt ein. Es ist die Melancholie der verschlafenen Provinz, die aus ihnen spricht. Für mich jedenfalls.
Ich bin zu diesen Songs später nie mehr zurückgekehrt. Mit einer Ausnahme. „Life’s What You Make It“ von Talk Talk, das im Laufe der Jahre allerdings mehr wurde als der Soundtrack für Tiefdruckgebiete im nordwestdeutschen Flachland. Die Single mit der von James Marsh gezeichneten gelben Motte auf dem Cover bekam ich zu meinem zehnten Geburtstag geschenkt. Ich weiß gar nicht mehr von wem. Von meinen Eltern sicher nicht, denn die hatten einerseits kein Interesse daran, eine womöglich kostspielig werdende Musikleidenschaft ihres Sohnes zu fördern (sorry!), und andererseits wussten sie, dass es in unserem Haushalt nicht so einfach sein würde, das Ding abzuspielen. Denn nur mein Opa war im Besitz eines Plattenspielers. Und der war den Langspielern von Ernst Mosch, Slavko Avsenik und seinen Original Oberkrainern und ähnlich Volkstümlichem vorbehalten. Für „moderne Musik“ hatte er – mit Ausnahme von James Last und der ein oder anderen Darbietung von „Live Is Life“ und dem „Ententanz“ auf seinem Akkordeon, zu der er sich bei Familienfesten von Schnaps und Verwandten überreden ließ – keinerlei Toleranz. Ich habe ihm das nie übelgenommen, denn ich habe ihn sehr geliebt. Seine gesellige Seite und seine traurige Seite.
Wenn er gerade im Garten seine Vogelvoliere säuberte oder Verwandte in Nachbarorten besuchte, konnte ich „Life’s What You Make It“ auflegen. Doch so richtig begann meine Leidenschaft für Talk Talk erst im Herbst 1990, wenige Wochen nach Opas Tod, der mich tief getroffen hatte und nachts nicht schlafen ließ. Eines späten Abends – meine Oma war schon im Bett – schlich ich mich aus meinem Zimmer im Erdgeschoss über die Treppe in das großelterliche Wohnzimmer im ersten Stock, legte meine Single auf und hörte mit dem Kopf zwischen den im Flüsterton sendenden Lautsprechern diesen nun irgendwie tröstlichen Song. „Everything’s all right“, sang der Chor, und der Sänger quengelte „Life’s what you make it“, während das Klavier versuchte, aus dem Groove auszubrechen.
Etwas wirklich Ungeheuerliches geschah, als ich die Single umdrehte und – wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt, ich weiß es nicht sicher – die Nadel auf die B-Seite legte. Ein Instrument, das klang, wie von einem Geist gespielt (später lernte ich, dass es ein Variophon, ein Blasinstrumenten-Synthesizer, war), erhob sich über einen auf einem Klavier intonierten Rumba-Rhythmus. Und der Sänger sang immer wieder „Everybody’s laughing“, was zunächst gar nicht zu dieser entrückten Musik zu passen schien, bis er mit seiner Stimme, die mich an eine gestopfte Trompete erinnerte, diese Zeilen hervorpresste: „Brilliant sky/ Set the sails, our hearts are open/ Don’t cry/ I believe release is in your smile.“ Wer das Herz öffnet, wer die Mundwinkel hebt, kommt der Erlösung näher. Das habe ich ganz sicher nicht beim ersten Hören verstanden, aber ich habe diese B-Seite, das sich im weiteren Verlauf in die Ewigkeit öffnet, in dieser Nacht noch unzählige Male gehört. Es schien fast, als hätte Hollis das im Titel des Songs – „It’s Getting Late In The Evening“ – antizipiert.
Dieses Lied war für Talk Talk sowas wie der Beginn einer Verwandlung. Zuvor hatte man sie als Synthie-Pop-Band begriffen, die mit ihren fabelhaften Singles „It’s My Life“ und „Such A Shame“ aus dem Jahr 1984 vor allem auf dem europäischen Festland Erfolg gehabt hatte. Ihr Sänger und Songwriter Mark Hollis hatte allerdings in Interviews immer durchblicken lassen, dass er nichts mehr hasste als Synthesizer, was für eine Synthie-Band nicht der beste Ausgangspunkt war. Er liebte die britische Jazz-Folk-Rock-Band Traffic, den französischen Komponisten Claude Debussy und war besessen von Miles Davis’ „Sketches of Spain“. Ihm ging unter britischen Musikjournalisten der Ruf einer gewissen Verblasenheit voraus. Er war also auch sowas wie der Erfinder von Thom Yorke.
Und nach dem Erfolg des zweiten Talk Talk-Albums „It’s My Life“ machte er ernst. Verschanzte sich mit seinem Vertrauten, dem Produzenten Tim Friese Green, mehr als ein Jahr lang im Studio, lud neben seinen Bandkollegen Lee Harris und Paul Webb unzählige Gastmusiker ein – die Bassisten Danny Thompson (Pentangle, siehe Wohnzimmer #84) und Alan Gorrie (Average White Band), die Gitarristen Robbie McIntosh (Pretenders) und David Rhodes (Peter Gabriel), den Harmonikaspieler Mark Feltham, ja, sogar sein Traffic-Idol Steve Winwood. Er spielte ihnen Debussy vor und Erik Satie, Frederick Delius, Jean Sibelius und Béla Bartók („a great geezer“, so Hollis) und ließ sie über teilweise von kongolesischem Soukous inspirierten Rhythmustracks spielen, die er mit Friese Green auf dessen Fairlight-Synthesizer (den Hollis widerwillig als nützliches Werkzeug, als Wittgensteinsche Leiter quasi, akzeptierte) komponiert hatte.
Ganz am Ende versah er die geschichteten, durch die brüchigen Arrangements atmenden Tracks mit Texten, wie man sie nicht unbedingt in einem Popsong Mitte der Achtziger erwartete: „Take good care of what the priests say: ,After death it’s so much fun‘“, sang er. „Little sheep, don’t let your feet stray/ Happiness is Easy.“ Und die Lämmchen antworteten ihm in Gestalt eines Kinderchors, den die Theateragentin June Collins, die einst ihren Sohn Phil (ja, genau der) in den Beatles-Film „A Hard Days Night“ schmuggelte, besorgt hatte: „Joy be written on the Earth/ And the sky above/ Jesus, star that shines so bright/ Gather us in love.“
Wundert einen nicht, dass die Plattenfirma EMI aus allen Wolken fiel, als Friese Green die ziemlich kostspieligen Aufnahmen erstmals vorspielte. In eine Hitformel hatten sie das viele Geld jedenfalls nicht investiert. Bei einem Treffen mit dem Director of A&R and Marketing, David Munns, in einem Pub in Tottenham erklärte sich Hollis erstaunlicherweise bereit, noch eine Hitsingle für das Album zu schreiben, auch wenn das bedeutete, dass einer der experimentelleren Tracks – „Chameleon Day“ oder „It’s Getting Late In The Evening“ – aus der Tracklist gestrichen und auf eine B-Seite verbannt werden musste.
Inspiriert von Kate Bushs minimalistischen, akkordwechselfreien „Running Up That Hill“, dem Booker-T-&-The-MG’s-Klassiker „Green Onions“ und dem motorischen Beat von Cans Jaki Liebzeit schrieb er mit Friese Green also „Life’s What You Make It“. Und der Song wurde tatsächlich ein Hit. Er kletterte im November 1985 die (festland-)europäischen und im Januar 1986 auch die britischen Single-Charts hoch und kündigte das neue Talk Talk-Album „The Colour Of Spring“ an, das dann im Februar 1986, also vor ziemlich genau 40 Jahren, erschien. Der Frühling, den das Werk im Titel trägt, stand als Zeit des Wandels und des Neuanfangs für die nächste Talk Talk-Werkphase, die Synth-Pop-Raupe hatte sich in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt. „The Colour Of Spring“ wurde das erfolgreichste Album der Band, die sich damit ihre Freiheit erkaufte, aus dem tristen Popgefängnis in einen prächtigen Garten hinaus zu flattern.
„Spirit Of Eden“ hieß das nächste Wunderwerk, das ich mir in der Woche nach der nächtlichen Begegnung mit „It’s Getting Late In The Evening“ kaufte, um es auf dem Plattenspieler meines Opas abzuspielen. Es fühlte sich für mich damals – wohl auch wegen des Albumtitels – so an, als könnte ich durch diese unheimlichen Klänge, die sich zu sechs Tracks zusammenfügten, Kontakt zu seinem Geist im Jenseits aufnehmen. Auch wenn „Spirit Of Eden“ natürlich keine Volksmusik war, wie sie ihm gefallen hätte. Aber wenn ich jetzt so drüber nachdenke, ist die Art, wie diese Musik eine mythische, spirituelle Verbindung zwischen Klängen und Natur, Landschaft und Identität herstellt, doch zumindest sowas wie eine Neuerfindung von britischem Folk und der Beweis dafür, dass nichts verloren geht, alles in anderer Gestalt zurückkehrt.
„A gilded wreath on reason The flower crushed conceives A child of fragrance so much clearer In legacy“ (Talk Talk, „Eden“)
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