Wohnzimmer
Ausgabe 80 · Montag, 23. Juni 2025
Über Brian Wilsons Strand
in der letzten „Wohnzimmer“-Folge vor der Sommerpause scheint es mir Zeit für ein Geständnis: Ich hasse den Strand.
Also - das stimmt natürlich nur zum Teil. Wie ja eigentlich alles, was man kurz und prägnant und mit großer Bestimmtheit sagt oder schreibt, nur zum Teil stimmt, weil die Welt und die Gefühle naturgemäß viel komplexer sind. Und aus der Postmoderne - die Älteren werden sich erinnern - haben wir ja unter anderem mitgenommen, dass es nicht die eine übergreifende Wahrheit gibt, sondern dass auch sich auf den ersten Blick widersprechende Geschichten auf ihre Weise wahr sein können (was man vielleicht auch in den von allen Seiten so apodiktisch geführten Debatten über das aktuelle Weltgeschehen mal bedenken sollte).
Der Strand ist der Ort - oder sollte man nicht besser nach dem französischen Anthropologen Mark Augé sagen: der Nicht-Ort, ein Ort ohne Identität und Geschichte also? -, an dem der Mensch dem Kapitalismus schutzlos ausgeliefert ist, weil auch noch sein Körper zum Kapital wird, zum Trends und Idealen unterworfenen Statussymbol. Der Strand ist der Platz, an dem wir unsere eigene Haut zu Markte tragen. (Erst wenn das Wetter nicht mitspielt, die Strandkörbe, Surfboard-Vermietungen, Cocktailstände, Bier- und Pommesbuden verwaist sind und melancholisch ihre Funktionslosigkeit ausstellen, man das Adamskostüm gegen Pullover, Jeans und Friesennerz eingetauscht hat, wird der Strand zu einem paradiesischen Ort). Und - Entschuldigung - den Surfermythos vom Menschen, der auf seinem Brettchen allen gesellschaftlichen Konventionen und Autoritäten entflieht und zum freien Subjekt und selbstbestimmten Individuum wird, habe ich schon als Teenager nicht geglaubt. Vielleicht, weil die Surfer am Baggersee im Nachbarort ziemliche Hupen waren, deren Subjektsein ich - im Gegensatz zu einigen Mitschülerinnen bedauerlicherweise - arg bezweifelte.
Letztgenannter Umstand könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass mir die Beach Boys damals eher unangenehm waren. Ein anderer: Die (bewegten) Schwarz-Weiß-Bilder dieser ein bisschen steif und bieder wirkenden Typen hatten etwas Unheimliches, und schienen mir - verglichen mit denen der smart und modern wirkenden Beatles - aus einer fernen Epoche zu stammen, in der Popmusik noch sowas war wie Murmelspielen oder Fußballbildersammeln - eine Freizeitbeschäftigung für eine naive, leicht zu beeinflussende, angepasste Zielgruppe.
Irgendwie paradox, dass es eine Dokumentation mit dem Titel „I Just Wasn’t Made For These Times“ war, die Mitte der Neunziger meine Meinung änderte. Und das obwohl sie mit Bildern der Sorte begann, wie ich sie weiter oben beschrieben habe: Zu kreischenden Fans sangen Al Jardine, Mike Love, Carl und Brian Wilson (Dennis sieht man nicht, der sitzt wohl am Schlagzeug) da brav und bewegungslos ein naives Liedchen mit dem Titel „Surfer Girl“. Dann sprang der Film zu einem erschöpft und unbeholfen wirkenden Mann mittleren Alters mit einem durch eine Gesichtslähmung leicht schiefen Mund. „Shall I tell the truth?“, nuschelte der unsicher. Und der Regisseur Don Was versicherte ihm, ja, er solle die ganze Wahrheit sagen. „The truth and nothing but the truth, right?“, entgegnete der Mann wie ein alter Cop aus einem Film, der zu viel gesehen hatte, um noch an die Wahrheit zu glauben.
Es folgte eine Montage der für Dokumentationen üblichen Zeugen und Bewunderer, die die Besonderheit dieses Mannes, der den Namen Brian Wilson trägt, hervorhoben. Doch der einstige Über-Beach-Boy selbst nahm nicht Teil an der Heiligsprechung: „Immer wach, die ganze Nacht“, sagte er kopfschüttelnd. „Hab getrunken, Kokain genommen. Gearbeitet. Steck mich ruhig ins Gefängnis.“ Und ein kleiner, katerhafter Typ mit grauen Haaren und Schnauzer mit dem kuriosen, nach einer lesbischen Transporter-Vermietung klingenden Namen Van Dyke Parks erklärte: „Du gehst an Orte, an die du nicht gehen willst. Du entdeckst die dunkle Seite des Mondes. Wenn du Glück hast, verbrennst du nicht beim Wiedereintritt in die Atmosphäre.“ Dann sah man Brian Wilson am Klavier sitzen. Die Gesichtslähmung war auf mysteriöse Weise ausgeheilt, als er sang: „As I sit and close my eyes, there’s peace in my mind and I’m hoping that you find it, too/ And these feelings in my heart, I know, are meant for you.“
Einige Minuten später sah man ihn mit seiner Frau Melinda in einem 1941er Cadillac Convertible einen Vorort von Los Angeles namens Hawthorne fahren. Er trug eine umgedrehte Baseballkappe, die ihm eher die Anmutung gab, auf dem Weg zu einem Kindergeburtstag zu sein als zu einem Tupac-Shakur-Konzert. Tatsächlich war er auf der Suche nach seinem Elternhaus. Er steuerte den Cadillac in die West 119th Street. Aber das Haus war nicht mehr da. Das Paar schaute stattdessen auf den Glenn Anderson Freeway, dem der weiße Flachbau 1987 weichen musste. „It’s gone“, lachte Wilson wie ein kleiner Junge. „Das ist so lustig. Mein Haus ist weg!“ Und als er merkte, dass seine Frau traurig war, war er es auch. Tat er spaßeshalber so, als würde er weinen oder weinte er wirklich?
Natürlich sang er dann gemeinsam mit Bruder Carl seinen Song „In My Room“. Neben ihm saß seine Mutter Audree, die kurz zuvor erzählt hatte, ihr Brian habe eine glückliche Kindheit gehabt. „In this world I lock out/ All my worries and my fears/ In my room.“ Diese Welt war also der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Er war den Sorgen und Ängste nun schutzlos ausgeliefert.
Die Wilson-Familie übte nach einer Viertelstunde bereits eine ähnliche Anziehungskraft auf mich aus wie die Glass-Familie aus den Kurzgeschichten von J.D. Salinger es zu jener Zeit tat. Da war ein dunkles Geheimnis, das es zu ergründen galt. Ich fühlte wohl schon, dass Brian Wilson, wenn er vom Strand sang, nicht Konsum und Körper meinte, sondern eine tatsächlich unheimliche, existenzielle Ortlosigkeit, die verbunden war mit unerfüllten Sehnsüchten - nach Liebe, nach Wärme und Geborgenheit, aber auch, in einer romantischen Tradition, nach Überschreitung, Transzendenz und innerer Erfüllung.
Sein erster großer Song trug, wie ich bald herausfand, den Titel „Lonely Sea“. Der Titel stammte von ihm, der Text aber von Gary Usher, der sich in der Surf- und Hot- Rod-Musik, die Chuck Berrys Rock’n’Roll-Zauberformel „Cars and Girls“ um eine kalifornische Dimension erweiterte, bereits einen Namen gemacht hatte. Schwermütige Zeilen wie „The lonely sea/ It never stops for you or me/ It moves along from day to day“ waren untypisch für sein Schaffen, aber es schien, als hätte die Musik sie ihm diktiert. So war es oft, selbst wenn Wilson die Lyrics jemand anderem überließ, spielten sie doch in seiner Seelenlandschaft.
Elvis Costello sagte in einem Interview mal über „Don’t Talk (Put Your Head On My Shoulder)“, für das der Werbetexter Tony Asher die Lyrics geschrieben hatte, der Song brauche eigentlich gar keine Worte, weil alles schon durch Melodie, Arrangement und Harmonien erzählt werde. Und das stimmt. Die Melancholie dieser Musik hat etwas tief Tröstliches, das sich mittels Sprache nicht sagen lässt.
Die Protagonisten von Wilsons Songs sind zögerliche Typen, die sich nach dem Paradies sehnen, aber nicht wissen, wie man dorthin kommt, die sich lieber in ihren Köpfen ausmalen, wie schön etwas sein könnte, als sich mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Der Strand ist in den Liedern von Brian Wilson ein imaginierter, metaphysischer Ort. Auf „Pet Sounds“ bekommt dieser Ort andere Namen, heißt Liebe oder Gott, und der Weg dorthin führt durch Treibsand. In dem Wilson dann wenig später tatsächlich versank.
Der Konfrontation mit der großen Leere und Unerfülltheit, vor der er in die Welt seiner Musik geflüchtet war, befiel nun auch seine Kunst - auf „Smile“, seiner „teenage symphony to God“, verdunkelte sich die Sonne, der Traum wurde zum Alptraum. Es kann kein Zufall sein, dass er dem eingangs erwähnten Van Dyke Parks, der die Texte für dieses Album schreiben sollte, im Sommer 1966 auf einer Party im Haus seines Freundes Terry Melcher am Cielo Drive erstmals von seinem neuen Projekt erzählte. Drei Jahre später sollte die Manson Family den kalifornischen Traum genau in diesem Haus auf blutigste und grausamste Weise beenden. „The music all is lost for now to a muted trumpeter swan“, hieß es im größten aller „Smile“-Songs, „Surf’s Up“.
Natürlich durfte diese dunkle Vision seinerzeit nicht erscheinen. „Smile“ musste unvollendet bleiben. Es wurde zum größten Album der Popgeschichte, gerade weil der Wunsch, es zu besitzen, nicht erfüllt werden konnte.
„Ich liebe das Meer, wie meine Seele“, las ich kürzlich bei Heinrich Heine, der diese Zeilen auf der Insel Norderney schrieb. „Oft wird mir sogar zumute, als sei das Meer eigentlich meine Seele selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen, und im Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen: so kommen zuweilen auch wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele, und duften und leuchten und verschwinden wieder …“
Wenn die bunten Bilder verschwunden sind, kann einem die Seele dunkel und bedrohlich wie die See an einem stürmischen Herbstabend erscheinen. Brian Wilson konnte davon ein Lied singen. Es hieß „Til I Die“. Ein Korken auf dem Ozean, ein Stein in einem Erdrutsch, ein Blatt an einem windigen Tag werde er bis zum Ende aller Tage sein, sang er in diesem Song, der in seiner Erhabenheit wiederum an Zeilen von Heine denken lässt. „Gar besonders wunderbar wird mir zumute, wenn ich allein in der Dämmerung am Strande wandle - hinter mir flache Dünen, vor mir das wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige Kristallkuppel“, schrieb der Dichter auf seiner Nordseeinsel. „Ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und dennoch dehnt sich meine Seele so weltenweit. Die hohe Einfachheit der Natur, wie sie mich hier umgibt, zähmt und erhebt mich zu gleicher Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eine andere erhabene Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten Titanengebet strebte immer höher als die gotischen Pfeiler, und wollte immer hinausbrechen durch das Dach.“
So wie die Leipziger Thomaskirche durch die Hall begünstigende gotische Architektur die polyphone Musik von Johann Sebastian Bach begünstigte, ja, vermutlich sogar inspirierte, der Raum seines Genies war, war der sonnenhelle, zum weiten Meer führende, erhabene Strand Brian Wilsons Kathedrale. „In the flow of the ocean/ And the warmth of the rays“, erinnerte er sich 2008 auf seinem Soloalbum „That Lucky Old Sun“, „Heard music in the air and in the waves/ The wind chimed, laughter rhymed/ We had nothing but time.“
Fünf Jahre, nachdem ich „I Just Wasn’t Made For These Times“ gesehen hatte, sprach ich Ende 2001 zum ersten Mal mit Wilson. Sein mentaler Zustand hatte sich gegenüber der Dokumentation noch einmal verschlechtert. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es ihm ein Bedürfnis war, mit der Weltpresse über seine traumhafte Kunst und sein traumatisches Leben, die Kämpfe mit inneren Dämonen und diabolischen Nutznießern, zu sprechen. Und er schien auch gar nicht in der Lage dazu. Jede Konfrontation mit der Vergangenheit konnte einen psychischen Ausnahmezustand auslösen und war überhaupt nur möglich, wenn er sich in der vertrauten Umgebung seines Hauses - in his room - befand, sodass er Interviews fast ausschließlich am Telefon führte (auch die Proben für der Solo-Tourneen, die er ab Ende der Neunziger unternahm, fanden dort statt, aber als er 2003 erstmals mit seiner Band für die Uraufführung des kompletten „Smile“-Albums probte, floh er panikartig aus seinem eigenen Haus, setzte sich ins Auto und raste zum Saint John’s Hospital in Santa Monica, wo er sich selbst einwies).
Auf die meisten meiner Fragen antwortete er so mechanisch und emotionslos wie eine Frühform der Künstlichen Intelligenz. So als sei seine Geschichte kein Teil mehr von ihm. Als habe er sie von seinem Ich abgespaltet. Schließlich fragte ich ihn, wann er zuletzt am Strand gewesen sei. „Ich weiß nicht“, sagte er und lachte sein Unwohlsein heraus, während er nach einer Antwort suchte. „Vielleicht vor zehn Jahren. Ich mag es dort nicht.“
Das war natürlich nicht die ganze Wahrheit. Als Sinnbild für Unbeschwertheit, Wärme und Harmonie von Körper und Geist, Natur und Mensch war ihm der Strand ein Sehnsuchtsort. Doch den konnte er nur erreichen, wenn er die Sorgen und Ängste aussperrte und sich in seinem Zimmer in die Musik flüchtete. Am 11. Juni hat er feindliche Welt für immer verlassen, seine Lieder hat er uns als Flucht- und Panikräume zurückgelassen. An Brian Wilsons Strand findet uns nicht mal der Kapitalismus.
Ich wünsche euch einen schönen Sommer! Genießt die Zeit, hört die Lieder von Brian Wilson und schreibt mir Urlaubsgrüße, Anmerkungen, Wünsche und Kritik an wohnzimmer@rollingstone.de. Das nächste Wohnzimmer erscheint dann voraussichtlich am 25. August.
„And as we look at the future Though it’ll be through a tear Keep an eye on summer this year.“ (Brian Wilson & Bob Norberg)