Wohnzimmer
Ausgabe 77 · Donnerstag, 15. Mai 2025
Genius der Energie
man kann der Gegenwart ja eigentlich nicht entkommen. Egal, wie sehr sie einen nervt und ganz gleich, wie sehr man es sich vornimmt, mal ein paar Tage nicht aufs Telefon zu schauen. Aber ich habe es versucht. Ich war neulich für vier Tage an der Ostsee und habe mir als Lektüre einen Klassiker mitgenommen: Thomas Manns „Lotte in Weimar“.
Der 150. Geburtstag des Schriftstellers, den seine Kinder „der Zauberer“ nannten und seine Enkel (wenn man Robert Gernhardt glauben darf) „Omas Mann“, steht ja vor der Tür, und 400 Seiten im Weimar des Jahres 1816 zu verbringen und zu verfolgen, was passiert, wenn Charlotte Kestner, geborene Buff, ihres Zeichens Vorbild der Lotte in „Die Leiden des jungen Werther“, für einen kurzen Familienbesuch in die Stadt ihres über vier Jahrzehnte zuvor verschmähten Liebhabers Johann Wolfgang Goethe kommt, schien mir doch ein schöner Urlaub vom Jetzt.
Ihr werdet euch vielleicht fragen, warum ich das hier erzähle. Was hat der bürgerlich-konservative Thomas Mann mit der Popwelt des „Wohnzimmer“ zu tun? Dass Mann durchaus eine Leidenschaft für die leichte Kunst seiner Zeit hegte und diese Spuren in seinem Werk hinterlassen hat, werdet ihr in unserer Juni-Ausgabe lesen können, für die der Literaturwissenschaftler Kai Sina, Autor des äußerst lesenswerten Essays „Was gut ist und was böse: Thomas Mann als politischer Aktivist“, einen sehr erhellenden Text zum Thema geschrieben hat.
Darüber hinaus war Mann natürlich selbst ein Star - durchaus auch für die Jugend, wie man in Susan Sontags brillanter Geschichte „Pilgrimage“ lesen kann, in der sie beschreibt, wie sie im Dezember 1949, kurz vor ihrem 17. Geburtstag, ihr Idol, ja, ihren Gott, in seinem Haus in Los Angeles besuchte (ein Text, der übrigens durchaus Gemeinsamkeiten mit „Lotte in Weimar“ hat). Und schon ein Jahrzehnt zuvor, lange bevor Elvis Presley, Ray Charles oder Genesis im Shrine Auditorium in Los Angeles auftraten, George Cukor dort „A Star Is Born“ drehte und Michael Jackson einen Werbefilm für „Pepsi“, bei dem seine Haare durch Pyrotechnik in Brand gerieten, hielt Mann in diesem „kolossalen Amphitheater“ seinen Vortrag „The Coming Victory of Democracy“, in dem er übrigens, durchaus aktuell, sprach:
„Nein, Amerika bedarf keiner Unterweisung in Dingen der Demokratie. Aber eines ist Unterweisung – und ein anderes Erinnerung, Besinnung, Revision, das Wiederbewusstmachen eines geistigen und menschlichen Besitzes, den für allzu gesichert zu halten und auf sich beruhen zu lassen, gefährlich wäre. Es gibt keinen Besitz, der Nachlässigkeit vertrüge. Selbst physische Dinge sterben ab, gehen ein, kommen abhanden, wenn man sich nicht um sie kümmert, wenn sie Blick und Hand des Besitzers nicht mehr spüren und er sie aus den Augen verliert, weil ihr Besitz ihn selbstverständlich dünkt. Es ist mit der Selbstverständlichkeit der Demokratie in aller Welt eine zweifelhafte Sache geworden – auch in Amerika …“
Dar war im Februar 1938. Untergebracht waren er, seine Frau Katia und seine älteste Tochter Erika damals in einem Bungalow des Beverly Hills Hotel am Sunset Boulevard, das man fast 40 Jahre später auf dem Cover des Eagles-Albums „Hotel California“ sehen konnte. Ob die Motivwahl eine Anspielung auf „Lotte in Weimar“ war, an dem Mann damals schrieb, konnte ich nicht ermitteln. Der Autor hat jedenfalls drei Jahre nach seinem Vortrag tatsächlich im Hotel California eingecheckt – er mochte das „Movie-Gesindel“ Hollywoods lieber als die „Gelehrten-Atmosphäre“ seiner ersten amerikanischen Exilstation Princeton, wo er im Februar 1939 Zuflucht fand, und zog nach Los Angeles, wo er in Pacific Palisades ein Haus mietete und wenig später eins baute (das von den jüngsten Bränden glücklicherweise verschont blieb), das zum Treffpunkt für eine illustre Schar von Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und anderen Emigrant:innen wurde, so eine Art Weimar an der Westkünste also.
Und irgendwie hat man auch das Gefühl, dass das Mann’sche Werk, in dem Themen wie Dekadenz, Verfall, betörende Jugendlichkeit, sublimiertes Begehren, Intellektualismus und die Spannung zwischen bürgerlicher Welt und künstlerischer Selbstverwirklichung ja eine große Rolle spielen, auf Filme wie „Sunset Boulevard“, „All About Eve“ oder „Citizen Kane“ ausgestrahlt hat. Und seine Spuren führen über Hollywood und das Medium Film hinaus in andere Bereiche der Popkultur. Die so prominente Inszenierung des empfindsamen Körpers, die Verklärung von Krankheit und die Melancholie beispielsweise finden sich im Werk vieler Künstler:innen von Joni Mitchell bis Perfume Genius, von Roxy Music bis Anohni.
Seine frühe Erzählung „Enttäuschung“ inspirierte Jerry Leiber und Mike Stoller zu ihrem Song „Is That All There Is“, den Peggy Lee zum Hit machte. (Leibers Ehefrau Gaby Rodgers, geborene Rosenberg, gebürtig aus der Goethe-Stadt Frankfurt, ging Ende der Dreißiger ebenfalls ins Exil an der amerikanischen Westküste und brachte ihrem Gatten das Mann’sche Werk nahe.) Und spätestens seit Luchino Viscontis Verfilmung von „Der Tod in Venedig“ ist der polnische Junge Tadzio aus Manns Novelle, der für den Schriftsteller Gustav von Aschenbach zur schicksalhaften Obsession wird, zu einer queeren Ikone geworden. Zur gleichen Zeit wie Visconti arbeitete übrigens auch der britische Komponist Benjamin Brittens an einer Adaption der Novelle, die Grundlage seiner letzten Oper werden sollte.
Die wiederum sah Anfang der Achtziger ein junger Rufus Wainwright mit seinem Vater Loudon in der Verfilmung von Tony Palmer. Zwei Jahrzehnte später sang er in seinem Song „Grey Gardens“ die Zeilen „In between tonight and my tomorrows, Tadzio, where’ve you been?/ In between tonight, I know it’s Tadzio/ Tadzio, don’t you fight“ und beschwor Liedes durch wiederholtes Ausrufen des Namens eindringlich sein verhängnisvolles Verlangen. Morrissey schlüpfte in einem Song von seinem Album „Ringleader Of The Tormentors“ in die Rolle des sterbenden Gustav von Aschenbach und sang: „I just want to see the boy happy“.
Auch Anthony Soprano Jr. liest übrigens in einer „Sopranos“-Folge „Death in Venice“, obwohl mit Blick auf den allmählichen Verfall seiner Familie. „Die Buddenbrooks“ vielleicht passender gewesen wäre (der Roman über die Lübecker Künstlersippe hat dann, darauf hat mich Kai Sina hingewiesen, in Noah Baumbachs Patchwork-Familiensaga „The Meyerowitz Stories“ einen kurzen Auftritt). Der Protagonist von Christian Krachts „Faserland“, dem deutschsprachigen Pop-Roman der Neunziger, der überdauert hat, ist auch ein eifriger Mann-Leser und besucht am Ende den Friedhof von Kilchberg bei Zürich, um (vergeblich) nach dem Grab des bewunderten Autors zu suchen.
In den vergangenen Jahren scheint vor allem „Der Zauberberg“, den Eric Burdon schon 1976 auf dem War-Album „Love Is All Around“ besungen hat, eine Renaissance zu erfahren: Kazu Makino von der Dream-Pop-Band Blonde Redhead sang 2004: „My heart hears you speak/ But I never make it in the flatlands/ I must stay on magic mountain“, Father John Misty erklärte 2017 „I’m Growing Old on Magic Mountain“, und Michelle Zauner schlüpfte in diesem Jahr auf dem Japanese Breakfast-Album „For Melancholy Brunettes (And Sad Women)“ in die Rolle von Hans Castorp: „Once the fever subsides“, sang sie, „I’ll return to the flatlands/ A new man, a new man.“
„Der Zauberberg“ taucht auch in anderen Künsten wieder öfter auf: Der fabelhafte jüngste Roman der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, „Empusion“, ist eine feministische Variation in Form einer Schauergeschichte, und das Setting der aktuellen US-Erfolgsserie „The White Lotus“ erinnert ebenfalls an das Mann’sche Opus. Während der vor der Kulisse eines über der Welt thronenden Sanatoriums in den Schweizer Alpen die geistige Dekadenz Europas vor dem Ersten Weltkrieg mit feiner Ironie reflektiert, führt Mike White in seiner Serie den geistigen Verfall und die moralische Leere der Superreichen in einem weltabgewandten Luxus-Resort vor.
Nichts scheint so gegenwärtig wie Thomas Mann. Das wurde mir auch beim Lesen von „Lotte in Weimar“ bewusst, das 1939 erschienen ist und natürlich zudem die politische Situation im Deutschland der Dreißiger reflektiert. Doch der Gossip, die Massenhysterie, die Oberflächlichkeit, der Neid und die Missgunst, mit denen die Bürger in Weimar der über 60-jährigen Goethe-Muse begegnen, unterscheiden sich kaum von den Reaktionen, die einem über den Weg laufen, wenn man sich bei Instagram auf die Spuren der Kardashians begibt. Und der Menschenauflauf vor Charlotte Kestens Hotel am Tag ihrer Anreise kann nicht wesentlich kleiner gewesen sein als die Menge auf dem Petersplatz am vergangenen Donnerstag, als der neugewählte Papst den Balkon betrat.
Ich hatte wirklich beim Lesen das Gefühl, dass mir dieser Roman mehr, oder besser: Interessanteres über unsere Zeit erzählt als die meisten neuen Veröffentlichungen der letzten Jahre, die mir als „Buch der Stunde“ angepriesen wurden. Vor zwei Jahren hatte ich diese Empfindung schon mal, als mich meine bereits oft angelesene Taschenbuchausgabe von Manns „Doktor Faustus“ vorwurfsvoll aus dem Regal anschaute und ich sie mir in einem Moment der Kühnheit schnappte, um diesen epischen Roman über Kunst und Teufel, Deutschland und Faschismus dann zu meinem eigenen Erstaunen gebannt in wenigen Tagen durchzulesen.
Diese Wirkung hat vermutlich damit zu tun, dass die Gegenwartsliteratur in den gängigen Diskursen zu zeitgeistigen Themen wie Geschlecht, Migration, Herkunft, Technik, etc. gefangen ist und diese mehr oder weniger reproduziert, was einen dann öfter mal langweilt, während Mann aus einem anderen historischen Kontext heraus schreibt, was uns heute die Möglichkeit gibt, in der Beschäftigung mit dem Vergangenen von der Gegenwart zu abstrahieren und die eingefahrenen Denkmuster zu verlassen.
So wie „Lotte in Weimar“ das Genie Goethe umkreist, erinnert sich der etwas umstandskrämerische Erzähler von „Doktor Faustus“, während um ihn der Zweite Weltkrieg tobt, an seinen zwei Jahre zuvor verstorbenen Freund Adrian Leverkühn, der seine Seele an den Teufel verkauft hatte, um ein genialer Komponist zu werden. (Robert Johnson lässt schön grüßten.) Mit seinem Hauptwerk, der Kantate „Der Antichrist“, sagt er sich von jeder Bindung und Moral los, lässt das Menschliche wie das Göttliche und nicht zuletzt die Liebe hinter sich, verfällt schließlich in einen Wahn und geht an der Syphilis zugrunde. (Ja, Leverkühn ist auch ein Nietzsche-Wiedergänger).
Was beide Genies – Goethe und Leverkühn - gemeinsam haben: Sie scheinen entmenschlicht, gesellschaftlich isoliert und handeln moralisch verantwortungslos. Goethe ist eher mächtiges, seine Umgebung überschattendes Denkmal als Mann aus Fleisch und Blut, Leverkühn hat die Menschlichkeit durch seinen Pakt mit dem Teufel gegen Genialität eingetauscht. Bei der Lektüre von „Doktor Faustus“ vor zwei Jahren habe ich mich schon gefragt, ob es heute noch so entmenschlichte, moralisch verantwortungslose, alle Welt verführende Genies gibt.
Mir fiel damals nur Kanye West ein, aber dessen Zeit war da auch schon lange vorbei. Jetzt, beim Lesen von „Lotte in Weimar“, habe ich mir die Frage wieder gestellt. Und da ist mir eine passende Antwort eingefallen. Das Genie unserer Tage ist natürlich die Künstliche Intelligenz. Wie Goethe in seiner Zeit wird sie als übermenschlich dargestellt, als Instrument des Fortschritts, das unsere moralischen und kreativen Kapazitäten übersteigt, und wir glauben – wie Leverkühn –Übermenschliches leisten zu können, wenn wir uns mit ihr einlassen.
Wenn wir beispielsweise rechtliche Entscheidungen, medizinische Diagnosen oder unsere Kreativität an die KI delegieren, ohne deren Ergebnisse zu reflektieren und zu kontrollieren, handeln wir wie Leverkühn und geben die Verantwortung für unsere eigene Schöpfung an eine Instanz ab, die wir nicht vollständig ergründen können. Das Menschliche tritt in den Hintergrund, und überlässt einer genialen Kraft die Bühne, die produziert, berechnet und optimiert.
Wenn ich mir anschaue, wie wir alle vor unseren Bildschirmen von sozialen Wesen zu Monaden verkümmert sind, wie unempathisch wir in den sozialen Medien miteinander umgehen, wie jede Offenbarung von Fehlern und Schwächen sofort instrumentalisiert wird, um die jeweilige Person zu Fall zu bringen, wie jede Form von Widersprüchlichkeit und Komplexität, die das Menschliche ausmacht, unter dem Deckmantel einer unerbittlichen Pseudo-Moral, die nur „gut“ oder „böse“ kennt, eliminiert wird, habe ich das Gefühl, dass das längst passiert ist, dass wir also schon jetzt sehr viel von unserer Menschlichkeit verloren haben, ja, dass die Technik uns bereits auf das nachmenschliche Zeitalter vorbereitet. Tut sie natürlich nicht. Das tun wir (uns) selbst (an).
„Wenn die Lebenszusammenhänge der Menschen verblöden, liegt’s nicht an den Maschinen, mit denen diese Zusammenhänge produziert und reproduziert werden“, sagt eine Figur in Dietmar Daths neuem, nicht nur durch den Umfang (fast 1000 Seiten) überwältigenden Roman „Skyrmionen, oder: A Fucking Army“, in dem es, grob gesagt, um die Frage geht, wer wir eigentlich sind und, vor allem: sein wollen in dieser schönen neuen digitalen Welt.
Andrian Kreye, dessen Texte über die digitale Welt einer der Hauptgründe dafür sind, die „Süddeutsche Zeitung“ zu lesen, kommt in seinem sehr informativen und unterhaltsamen Buch „Der Geist aus der Maschine. Eine superschnelle Menschheitsgeschichte des digitalen Universums“ zum selben Schluss. „Es bleibt in der Verantwortung der Zivilgesellschaft, dafür zu sorgen, dass sie aus den Fehlern bei der Konstruktion des ersten digitalen Universums lernt und diese bei der Errichtung der nächsten Inkarnation nicht noch einmal macht“, schreibt er.
„Dabei ist es gar nicht so schwer, das digitale Universum in den Dienst des Gemeinwohls zu zwingen, Man muss sich dort nur so benehmen wie in der echten Welt. Also im Idealfall ohne Hass, Hetze und Angst, Ohne Effizienzsteigerungen als Synonym für Stellenabbau zu verstehen. Ohne Menschen in bürokratische Raster zu sortieren. Ohne das Töten im Krieg zu automatisieren. Ohne die Kontrolle über die Verschmelzung von Biologie, Physik und Informatik zu verlieren. Dann kann künstliche Intelligenz Wissenschaft, Gesellschaft und vielleicht sogar die Demokratie Schritte weiterbringen, statt sie zurück- zuwerfen. Es mag eine Utopie sein, aber die stand immer schon am Anfang einer jeden neuen Phase der Digitalisierung. Es gibt keinen Grund, den Glauben daran zu verlieren. Dann wird am Ende der Entwicklung auch nicht die Singularity der Maschinen stehen, sondern die Einzigartigkeit des Menschen.“
Wenn wir die Verantwortung für Entscheidungen und Handeln abgeben und die ethische Dimension ausklammern, verlieren wir nicht nur den Zugang zur Menschlichkeit, sondern auch die Kontrolle über das, was wir schaffen und, mehr noch: wer wir sind. Wir müssen uns fragen, welchen Wert Empathie, Intuition, Erfahrungen, soziale Bindungen und unsere Unvollkommenheiten, die ja zugleich Quellen jeder Originalität und Kreativität sind, in Zukunft haben sollen, und ob wir uns weiter der Technologie anpassen wollen oder wir nicht besser die Technologie an unsere Bedürfnisse anpassen sollten.
„Hier spricht die Stimme der Energie/ Ich bin ein riesiger, elektrischer Generator/ Ich liefere Ihnen Licht und Kraft/ Und ermögliche es Ihnen,/ Sprache, Musik und Bild/ Durch den Äther auszusenden und zu empfangen/ Ich bin Ihr Diener und Ihr Herr zugleich/ Deshalb hütet mich gut/ Mich, den Genius der Energie“ (Kraftwerk, „Die Stimme der Energie“, 1975)
Ich wünsche euch eine schöne Woche. Und schreibt mir, wenn ihr Anmerkungen, Kritik oder Fragen zum „Wohnzimmer“ habt, an wohnzimmer@rollingstone.de, leitet den Newsletter auch gern an Freunde und Bekannte, wenn er euch gefällt.