Wohnzimmer
Ausgabe 70 · Montag, 27. Januar 2025
Wien at Heart
in den vergangenen Wochen war ich musikalisch und literarisch in Österreich und da vor allem in Wien unterwegs. Das kann mit der sehr guten, über siebenstündigen Folge des „Alles gesagt“-Podcasts der „Zeit“ zusammenhängen, in der Eva Menasse zu Gast war. Denn dort erzählt sie von ihren literarischen Vorbildern und ihrer besonderen, die österreichisch-jüdische Geschichte spiegelnden Familiengeschichte, die wiederum wohl auch ein Grund dafür ist, dass sie heute zu den unaufgeregtesten und klarsichtigsten Beobachter:innen der politischen Gegenwart gehört. (Davon kann man sich wiederum in unserer Ende der Woche erscheinenden Februar-Ausgabe überzeugen, für die Peter Unfried mit ihr über die anstehende Bundestagswahl gesprochen hat.)
Auch das gerade erschienene, sehr unterhaltsame Romanexperiment „Wackelkontakt“ des Wiener Autors und Detektiv-Brenner-Erfinders Wolf Haas, in dem die Protagonist:innen jeweils die Geschichte des anderen lesen, bis sie sich treffen, hat mich zuletzt begleitet. Und dann führte uns unser Kleinfamilienausflug Mitte Januar auch noch in die österreichische Hauptstadt, wo wir uns im Konzerthaus die steiermärkische Sängerin Anja Plaschg anhörten, die sich hinter dem Pseudonym Soap&Skin verbirgt.
Wien war anders als bei meinen früheren Besuchen. Die Stadt lag nach dem Umfallen der konservativen ÖVP in Erwartung des ersten rechtspopulistischen Kanzlers Herbert Kickl kalt, grau und geschockt da. Sein FPÖ-Kollege, der Wiener Stadtrat und Landesparteiobmann mit dem sprechenden Namen Dominik Nepp hatte ein paar Tage zuvor angedeutet, dass dem neuen Regime nicht genehme Zeitungen wie der linksliberale „Standard“ bald keine Presseförderung mehr bekommen könnten, an einigen Kultureinrichtungen hingen Spruchbänder, die zur Rettung der Demokratie aufriefen und der SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig kündigte für April Neuwahlen an, um der FPÖ/ÖVP-Regierung auf Landesebene eine stabile Koalition entgegensetzen zu können und „Anschläge einer blau-türkisen Bundesregierung auf die Wiener Bevölkerung“ zu verhindern.
Die Österreicher, vor allem die Wiener, zelebrieren ja gern den Untergang. Der Zerfall der Habsburger-Monarchie, der aus einem großen Reich ein kleines Land machte, hat in der Literatur des Landes in großen melancholischen bis wehmütigen Texten ihre Spuren hinterlassen, Verfall, Nostalgie und Endzeitstimmung sind bis heute vorherrschende Themen österreichischer Autor:innen. Man findet in ihren Texten kaum Utopien, dafür viele Albträume.
Und ich fühlte mich an diesem Wochenende in Wien tatsächlich wie in einem Albtraum. Es half nicht, dass am Tag zuvor David Lynch gestorben war und mir seine Filme und Serien durch den Kopf liefen, in denen ja unbewusste Träume und Ängste quasi die Hauptrollen spielen, was sein Werk auf eine Art eng mit Wien, der Stadt von Sigmund Freud, Leo Perutz und Arthur Schnitzler verbindet. Auch die Musik von Soap&Skin passt in diese Konstellation des Unheimlichen. Und so waren viele an diesem Abend mit der Hoffnung auf eine exorzistische Wirkung der Musik ins Konzerthaus gekommen.
Vermutlich war es eine eher unbewusste Hoffnung. Aber sie wurde klarer, als Anja Plaschg die Bühne betrat und den Doors-Song „The End” anstimmte, das im vergangenen Herbst erschienene Soap&Skin-Cover-Album „Torso“ beschließt. Wärmer, kindlicher, traumverlorener und jenseitiger – oder sollte man mit einem Peter-Handke-Wort sagen: andersortlicher? – als das Original oder auch das Nico-Cover des Songs, das Plaschg wohl als Vorbild diente. „The End“ ist ein ödipales Lied, handelt vom Wunsch, den mächtigen Vater und mit ihm die internalisierte Autorität zu töten, in der Freud-Schüler Wilhelm Reich und Horkheimer/Adorno ja wiederum die Wurzeln der für antidemokratische und faschistische Einstellungen anfälligen autoritären Persönlichkeit sahen. Also, ja, man konnte das als einen Kommentar auf die Lage der Nation lesen.
Später am Abend, nachdem Soap&Skin begleitet von einem Bläser- und Streicher-Sextett ihren eigenen labyrinthischen Weg in das infernalische „Meltdown“ aus dem „Requiem for a Dream“-Soundtrack, Cat Powers „Maybe Not“, „The Mystery of Love“ von Sufjan Stevens und „Voyage Voyage“ von Desireless gegraben hatte, tauchte wieder ein Vater auf. Dieses Mal im privaten Kontext. Nicht als Führer, sondern als Verlust. In dem Lied, das Anja Plaschg schrieb, als ihr Papa 2009 starb. Sie will ihm nah sein, eine Made in seinem Sarg: „Lass mich rein, rein, beinhart wie du sein/ Lass mich in dein Aug’ hinein/ Ich will es seh’n, die Prüfung besteh’n/ Ohne Pein, ohne Pein/ Lass mich rein, du Stein/ Mir hilft kein Warten und kein Wein/ Kein Schreien.“
Es hat mich erstaunt, wie ungekünstelt Plaschg wirkte, dass sie, die sich so gern versteckt oder mit dem Rücken zum Publikum singt, ihre Seele öffnete wie ein Scheunentor, nicht auf Tricks und Virtuosität vertraute, sondern vollkommen unverstellt sang und spielte, als ginge es in jedem Moment um Leben und Tod. „Um alles in der Welt, das dich am Leben hält/ Zerschlag’ ich auch mein Himmelszelt/ Auf dass es unter dir zusammenfällt/ Und du dich neigst/ Und du dich endlich wieder zeigst.“
Als sie schließlich in der zweiten Zugabe sang: „My whole burden is laid down“, nahm ihr das wohl jeder sofort ab und verließ geläutert den Konzertsaal. Nur um in der Stadt wieder auf die „Demokratie verteidigen. Jetzt!“-Spruchbänder zu stoßen und zu erkennen, dass die ganze Last mitnichten abgelegt war, sondern von Tag zu Tag schwerer werden würde.
Die Wochenendausgabe des „Standard“ machte am nächsten Morgen mit einer „Erklärung des Vereins der Chefredakteur:innen zur Bedrohung der Pressefreiheit in Österreich“ auf, im Innenteil schrieb Bert Rebhandl einen Nachruf auf David Lynch und empfahl ein paar Seiten weiter einige Bücher, die ein wenig Licht auf die dunkle politische Gegenwart werfen sollten: „Verlust. Ein Grundproblem der Moderne“ von Andreas Reckwitz etwa, in dem der Soziologe den Erfolg des Populismus als Symptom einer gesellschaftlichen Krise erklärt - Populisten nutzen die Sehnsucht nach Stabilität und Zugehörigkeit aus, indem sie einfache Antworten und eindeutige Identitäten bieten. Oder die Erzählung „Die Tagesordnung“, in der Èric Vuillard die komplexen Mechanismen hinter dem Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland schildert.
Er hätte natürlich auch „Die Welt von gestern“ nennen können, in dem der in Wien geborene, bereits ins Exil gegangene Stefan Zweig abschließend beschreibt, wie man in seiner Heimat ebenso wie in Deutschland dem sich langsam erhebenden Faschismus lange mit großer Sorglosigkeit entgegentrat, ihn nicht sonderlich ernst nahm, weil Politik eine Sache der intellektuellen Eliten war und nicht eines ungelernten „Bierstubenagitator[s]“ wie Hitler oder eines Handwerkersohns wie Mussolini.
Zweig war sich selbst, wie er zugibt, lange der Tragweite der neuen Bewegung nicht bewusst. Der Name Hitler sei anfangs „leer und gewichtlos“ in ihn hineingefallen. „Denn wie viele heute längst verschollene Agitatoren und Putschisten tauchten damals im zerrütteten Deutschland auf, um ebenso bald wieder zu verschwinden … Auch das Blättchen jener neuen nationalsozialistischen Bewegung glitt mir einmal durch die Hand, der ,Miesbacher Anzeiger‘ (aus dem später der ,Völkische Beobachter‘ erwachsen sollte). Aber Miesbach war doch nur ein kleines Dorf und die Zeitung ordinär geschrieben. Wer kümmerte sich darum?“
Billy Wilder erzählte mal in einem Interview mit Dick Cavett, wie er als junger Reporter in Wien für eine bunte Geschichte in der Weihnachtsausgabe der Boulevardzeitung „Die Stunde“ Prominente aufsuchte, um sie zu fragen, was sie von dieser neumodischen politischen Bewegung namens Faschismus hielten, die da unten in Italien die Runde machte. „Man hat das damals alles nicht so ernst genommen“, so Wilder, „so ein bisschen Faschismus, das war eben das neue Ding – so wie auch die Psychoanalyse.“ Der 19-jährige Reporter klingelte also bei Arthur Schnitzler, Richard Strauss, Alfred Adler und Sigmund Freud und stellte seine Frage. Freud warf ihn sofort hinaus. Er mochte die Presse nicht, weil sie seine Psychoanalyse nicht verstand und sich darüber lustig machte. Und vielleicht auch, weil sie den Faschismus auf die leichte Schulter nahm.
Auch heute gibt es hierzulande in den Medien professionelle Akteure, die die falschen Aussagen und ungeheuerlichen Forderungen der Populisten wie ein Boulevardthema behandeln, das ihnen hilft, das Engagement auf den eigenen Social-Media-Kanälen hochzuhalten. Andere machen sich, süchtig nach Aufmerksamkeit gar mit rechten Inhalten und Inszenierungen gemein, statt sie zu hinterfragen, wie es ihre Aufgabe wäre. Aus Journalisten werden Follower. Das zeigte sich etwa auch an einigen verharmlosenden und relativierenden Kommentaren zu Elon Musks vielgeteiltem faschistischen Gruß bei Donald Trumps Amtseinführung (einen „römischen Gruß“, den mancher da sehen wollte, gibt es nur in Filmen und von denen hat Mussolini ihn einst übernommen). „Nichts Gespenstischeres, als wenn im Leben das, was man längst abgestorben und eingesargt vermeint, plötzlich in gleicher Form und Gestalt wieder an einen herantritt“, schrieb Stefan Zweig, der sich übrigens vor allem mit Sigmund Freud lange über die schrecklichen Ereignisse nach dem auf dem Wiener Heldenplatz von einer Viertelmillion seiner Landsleute frenetisch gefeierten „Anschluss“ austauschte.
Parallel zur Trump-Inauguration inszenierte der Schweizer Regisseur Milo Rau, wie ich dem „Standard“ entnahm, eine Online-Lesung aus New York und Mossul, in der jeweils in Übersetzung ein Text der letzten österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gelesen wurde, mit dem diese auf den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen reagiert hatte. Er trägt den – wohl nicht nur in Hinblick auf Musks Geste – hellsichtigen Titel „Endsieg“.
Ich konnte weder die Trump- noch die Jelinek-Show verfolgen, da sich an jenem Montag auf dem Heimweg aus der Redaktion ein Virus bemerkbar machte, das ich mir wohl in Wien eingefangen hatte und das mir – wirklich wahr – das rechte Ohr verstopfte. Es geschah, während ich die neueste „Alles gesagt“-Folge mit dem Gast Friedrich Merz hörte. Und zwar kurz nachdem der etwas sehr Wahrhaftiges gesagt hatte. Als es um den berühmten Bierdeckel ging, auf dem sich nach seinem Konzept von 2003 die Steuerschuld einer vierköpfigen Familie errechnen lassen sollte und den Zuhörer:innen erläutert worden war, dass der mit einer KöPi-Werbung bedruckte Untersetzer im Haus der Geschichte ausgestellt sei, woraufhin Moderator Christoph Amendt schwärmte „König Pilsener - sehr gutes Bier“, konterte Merz nämlich: „Naja.“
Beim Bier scheint man ihm trauen zu können, dachte ich noch und legte mich erstmal hin. Denn kurz nachdem mein Ohr sich abgemeldet hatte, gesellten sich noch ein paar weniger rechtsgerichtete, aber nichtsdestotrotz unangenehme Virus-Symptome hinzu (was leider auch dazu führte, dass unser „Weekly“-Podcast am vergangenen Freitag ausfallen musste).
So wurde ich vom Bett aus Zeuge, wie Friedrich Merz die schrecklichen Morde von Aschaffenburg instrumentalisierte, um mal kurz hinter die Brandmauer zu springen, die er bei „Alles gesagt“ noch als unumstößlich bezeichnet hatte, und zu erklären, notfalls mit AfD- Stimmen Anträge zu einer teilweise gegen EU-Recht und Grundgesetz verstoßenden Verschärfung der Migrationspolitik im Bundestag durchsetzen zu wollen.
Schon klar, dass man nach solchen Gewalteskalationen reagieren muss. Es sind heutzutage in der Regel Ereignisse, die Politik bestimmen, nicht Parteiprogramme. Aber hat Merz mit diesem Bekenntnis zum Populismus nicht gezeigt, dass er nicht mehr an demokratische, rechtsstaatliche Lösungen glaubt? Woran liegt das? Ist es Angst? Unbedingter Machtwille? Liegt es an der aufgeheizten Stimmung im Land? Am Wahlkampf? Am mangelnden Vertrauen in die Gesprächsbereitschaft und Konsensfähigkeit der demokratischen Parteien in einer solchen Situation? Oder an der fehlenden Bereitschaft, sich auf längere Debatten einzulassen? Aber geht es nicht genau darum in einer Demokratie? Sind das nicht die Spielregeln, auf die wir uns geeinigt haben? Betreibt Merz nicht ein falsches Spiel, wenn er sich dem bockig widersetzt und sagt: Wenn nicht mit euch, dann halt mit den vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextrem eingestuften, von Musk hofierten Antidemokraten? Und muss man jetzt, nachdem auch CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann durchs bröckelige Brandgemäuer gelinst hat und auf der anderen Seiten keine Nazis erkennen konnte, davon ausgehen, dass Berlin bald das neue Wien wird?
Der Albtraum geht weiter.
Mein rechtes Ohr sitzt immer noch zu, und trotzdem höre ich, wie die Schreie aus dieser Richtung immer lauter werden.
Schreibt mir gern eure Anmerkungen zum aktuellen „Wohnzimmer“ an wohnzimmer@rollingstone.de, auch und gerade, wenn ihr das alles ganz anders seht oder Hausmittel gegen virusbedingte einseitige Taubheit habt.
Ich wünsche euch eine gute Woche!