Wohnzimmer

Ausgabe 101 · Freitag, 3. Juli 2026

Strandlektüren

Liebe Leser:innen,

zunächst möchte ich mich für die vielen Glückwünsche zur 100. Ausgabe, für Lob, Kritik und Anmerkungen bedanken. Es hat Spaß gemacht, das alles zu lesen, und es hat mich gefreut, zu erfahren, was euch unser kleiner Newsletter bedeutet. Auch eure aufmunternden Worte zu den letzten Folgen unseres Podcasts ROLLING STONE Weekly haben mir gutgetan. Selten waren Jan und ich uns uneiniger. Aber unsere Freundschaft hat nicht darunter gelitten. Glaube ich. Wir werden sehen.

Natürlich geht unser Podcast den Sommer über weiter. Wir produzieren in den nächsten Tagen noch einige bemerkenswerte Folgen, sodass ihr uns auch im Urlaub hören könnt, während wir ebenfalls im Urlaub sind. Ich lese mich bereits mit den italienischen Reisen von Johann Wolfgang von Goethe und Eric Pfeil (eins von beiden ist gelogen) in Ferienlaune, und suche noch nach den passenden Strandlektüren. Das ist jedes Jahr eine Qual. Denn erstens nehme ich immer mehr Bücher mit als ich lesen kann – es muss ja auch noch geschwommen, gebuddelt, gebaut, eingecremt, Eis gekauft, etc. werden – und zweitens immer die falschen.

Was einem in Berlin in vorfreudiger Erwartung als ideale Lektüre erscheint, passt eigentlich nie zur Stimmung, die man am Urlaubsort vorfindet. Es hilft auch selten, wenn man gezielt Romane auswählt, die in der Nähe oder direkt an der Feriendestination spielen. Meist sind das ja irgendwelche Kriminalromane mit Titeln wie „Tod in der Toskana“ oder „Umbringen in Umbrien“. Und ich kann selten etwas damit anfangen.

Die Erfahrung zeigt allerdings, dass es bei der Wahl der Lektüre durchaus von Vorteil ist, wenn die handelnden Personen sich selbst in einer urlaubsähnlichen Situation befinden – „Three Man in a Boat“, „Der Zauberberg“, „Call Me By Your Name“, „Tender is the Night“, „Empusion“. In allen Fällen wird der Urlaub als eine Unterbrechung des Alltags, ja man könnte sagen, als eine Art Utopie dargestellt – ein unwirklicher Ort, an dem andere Lebensweisen, Rollen und Identitäten ausprobiert werden. Da kann man sich gut einfühlen, wenn man sich selbst in diesem institutionalisierten Ausnahmezustand namens Sommerferien befindet, in dem man für kurze Zeit Träume Wirklichkeit werden lässt und so tun kann, als hätte man sein Leben tatsächlich geändert.

Genau von diesem Urlaubsversprechen las ich vor einiger Zeit in einem (vermeintliches) Kinderbuch. Schon nach den ersten Sätzen, die ich meinem Sohn vorlas, merkte ich, dass mich diese Geschichte berührte, wie es lange kein Roman mehr getan hatte. Ich fand mich darin wieder, ich las Wahrheiten über mich, über das Familienleben und unsere Gegenwart, wie ich sie nur selten so klar und präzise in Büchern finde.

Der Roman stammt von der finnlandschwedischen Autorin und Zeichnerin Tove Jansson und ist der im Jahr 1965 erschienene achte und vorletzte Band ihrer um eine Trollfamilie, die Mumins, und ihre Freund:innen kreisenden Abenteuer. Er heißt im Original „Pappan och havet“, also „Der Vater und das Meer“, aber die deutsche Übersetzung hat den etwas irreführenden Titel „Mumins wundersame Inselabenteuer“. Irreführend ist er, weil nicht junge Mumin hier die Hauptrolle spielt, sondern sein Vater. Eine faszinierende Figur, ein melancholischer Geschichtenerzähler, der gern in Erinnerungen schwelgt, zur Selbstmystifikation neigt und immer leicht verzagt auf einer existenziellen Suche zu sein scheint.

Zu Beginn des Romans leidet er an Selbstzweifeln, vermutlich sogar einer Depression, fühlt sich nicht gesehen als Vater und als Mann. Niemand scheint ihn zu brauchen. „Alles, was es zu tun gab, war nämlich schon erledigt oder jemand anders war gerade damit beschäftigt“, heißt es auf der ersten Seite. „Der Muminvater trottete ziellos durch seinen Garten und sein Schwanz rasselte melancholisch über die trockene Erde.“ Midlife-Crisis in der Nussschale.

Es wird Zeit für unseren (Anti-)Helden, dem Alltag Einhalt zu gebieten, einen Umbruch einzuleiten. Der Muminvater geht – wie es Väter auch in meiner Kindheit oft taten, wenn der Schwanz melancholisch über die trockene Erde rasselte, in seine Werkstatt und bastelt an dem Modell eines Leuchtturms. Aber diese Form der Kompensation ist nicht länger ausreichend. Und so verlässt seine Familie das heimelige Mumintal, damit er auf einer abgelegenen Insel seinen Traum nach einer alternativen Existenz als Leuchtturmwärter ausleben kann. Er will sich wieder als handelnde Person spüren, nicht als Nebenfigur, er will Bedeutung haben und Verantwortung. Und dieser Urlaub soll ewig währen.

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass ein Leuchtturm in dieser Geschichte eine große Rolle spielt, denn der Muminvater erinnert in seiner existenziellen Krise an die Figur des Mr. Ramsay aus Virginia Woolfs „To the Lighthouse“ und der Leuchtturm wird in beiden Romanen zum Symbol für ein unerreichbares Ideal.

Nach langer Reise mit dem Familienboot, das den Namen „Abenteuer“ trägt, muss der Muminvater am Ziel seiner Träume angekommen nämlich feststellen, dass die Wirklichkeit eine andere ist. Die Insel gibt sich zunächst abweisend und rau gegenüber den Neuankömmlingen, der einzige Bewohner – ein einsamer Fischer – beäugt sie aus der Ferne misstrauisch. Der Leuchtturm ist verwaist und verschlossen. Der Muminvater scheint zu resignieren, findet aber schließlich doch einen verrosteten Schlüssel und als er oben beim erloschenen Leuchtfeuer ankommt, muss er feststellen, dass er keine Ahnung hat, wie es sich wieder entfachen lässt.

Um das eigene Scheitern zu verdrängen, wendet er sich vermeintlich wichtigeren, in Wahrheit aber völlig absurden Projekten zu, während seine Familie versucht, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Die Muminmutter legt einen Garten an und bekämpft ihr Heimweh, indem sie das geliebte Mumintal an die Innenwände des Leuchtturms malt. Mumin selbst beginnt die Insel auf eigene Faust zu erkunden und nabelt sich langsam von seinen Eltern ab. Und die kleine Mü, sozusagen das Pflegekind der Familie, kommentiert das Geschehen auf ihre unerbittliche und ehrliche Art und Weise. Jeder scheint mit sich selbst beschäftigt. Und es braucht einen gewaltigen Herbststurm, um die Familie – und sogar den argwöhnischen Fischer – zusammenzubringen.

Jansson schrieb den Roman, als sie selbst des weltweiten Erfolgs ihrer Mumin-Abenteuer überdrüssig war und überlegte, die Reihe zu beenden, um stattdessen Romane für Erwachsene zu schreiben. So findet man ihre Suche nach einer neuen Aufgabe auf selbstironische Weise in „Mumins wundersame Inselabenteuer“ verarbeitet, zugleich steckt im Muminvater sehr viel von ihrem eigenen Vater, dem Bildhauer Viktor Jansson, den sie – obwohl sie als linke, bisexuelle Bohemienne mit dem konservativen, teilweise gar rechte Bewegungen unterstützenden freiheitsliebenden Mann viele Auseinandersetzungen hatte – bewunderte. Später schrieb sie das Memoir „Die Tochter des Bildhauers“ über diese komplexe Beziehung.

Doch auch der achte Mumin-Roman handelt bereits von den Kompromissen, zu denen die Liebe und das Leben uns zwingen. Darüber hinaus geht es auch um die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt, denn die Insel an sich ist in diesem Abenteuer eine handelnde Figur. Und es ist bezeichnend, dass sie sich mit Naturgewalt Gehör verschaffen muss, die isoliert handelnden Protagonisten des Romans in den Austausch miteinander zwingt, der schließlich die Krise des Muminvaters löst. Der Soziologe Hartmut Rosa würde das eine Resonanzerfahrung nennen: Sinn entsteht dort, wo Menschen und Welt sich gegenseitig antworten.

Vielleicht erinnert ihr euch noch, wie ich vor zwei Jahren an dieser Stelle über eine sehr gelungene Urlaubslektüre schrieb: „Amor gegen Goliath“ von Frank Schulz. Ein epochaler Roman, in dem Resonanz eine große Rolle spielt, weil sie den Protagonisten aus einer von Selbstzweifeln ob der eigenen Nutzlosigkeit und den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels ausgelösten Depression rettet. Sinnstiftung und Glück entstehen – sagen Jansson, Rosa und Schulz – in Zeiten von Multikrisen und gesellschaftlicher Entfremdung nicht durch das Stillen individueller Sehnsüchte, sondern durch das gemeinsame Arbeiten an der Verwirklichung kollektiver Träume. Dafür braucht es Austausch, Verbundenheit und Verbindlichkeit. In Zeiten der Entfremdung und Vereinzelung sind das rare Güter. Kurt Vonnegut schrieb bereits vor fünfzig Jahren, die moderne Gesellschaft habe uns zu wenige Verwandte gelassen. Deshalb erfand er in seinem Roman „Slapstick“ künstliche Großfamilien, in denen Tausende Menschen füreinander verantwortlich sein sollten. So ziemlich das Gegenteil der Unverbindlichkeit der Friends und Followerschaft, die wir heute bei sozialen Medien haben. Wir sollten alle unseren realen Freundeskreis erweitern.

„When life is dark, you’ve lost the spark/ Why not take part in mutual association?/ Though not on the screen/ That’s not what I mean/ It has been seen/ Things happen when you see what happens/ This is how it goes/ This is how it starts - in life and art/ And it all adds up/ And it all makes sense/ We’re not doing it for charity/ We’re not doing it for kicks/ We’re doing it for - radical friendship“, singt mein Kollege und Freund Robert Rotifer auf einem neuen Album, in dem er die Freundschaft und das Gemeinschaftliche der gesellschaftlichen Zersetzung und Entfremdung unserer Tage als Form des Widerstands entgegensetzt.

Auf die Idee brachte ihn seine Tochter Emma, die an der Uni eine Hausarbeit darüber schrieb, wie die Arbeit in der Independent-Musikszene organisiert ist. Sie kam zu dem Schluss, dass sie nach einem Prinzip funktioniert, das Soziolog:innen „Radical Friendship“ nennen. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Freundschaft mehr sein kann als eine private Beziehung. Dass sie ein Modell für Gesellschaft sein könnte. Nicht Konkurrenz, sondern gegenseitige Hilfe. Nicht Netzwerke zum eigenen Vorteil, sondern freiwillige Solidarität. Freundschaft als gesellschaftliche Praxis der Verbundenheit .

Robert versammelte für sein Projekt, das er Radical Friendship Theory nannte, einige seiner Freunde aus der Indie-Musik-Szene und überließ ihnen größtenteils auch das Mikro – dem britischen Songwriter John Howard, der Punk-Legende Helen McCookerybook, der Wiener Sängerin Leonie Schlager alias The Zew, dem Schlagzeuger seiner Bands Rotifer und The Nightmail, Ian Button, vor allem aber dem ehemaligen Friedrich Sunlight-Sänger Kenji, der diese klassischen barock-poppigen Songs mit seiner himmlischen Stimme klingen lässt wie den schönsten Freundschaftsdienst der jüngeren Popgeschichte.

„Radical Friendship Theory“ erscheint am 30. Juli. Das nächste „Wohnzimmer“ kommt nach den Ferien am 28. August. Ich wünsche euch schöne Ferien mit Büchern und Platten, die euch dabei helfen, eure Träume von einem besseren Leben in den Alltag zu tragen. Denn – die Älteren erinnern sich vielleicht noch: Unter dem Pflaster liegt der Strand.

Und schreibt mir gern weiterhin eure Anmerkungen zum „Wohnzimmer“ an wohnzimmer@rollingstone.de und leitet die neue Folge weiter, wenn sie euch gefällt.

Herzliche Grüße, Maik Brüggemeyer