Wohnzimmer

Ausgabe 100 · Freitag, 19. Juni 2026

Der Blick hinter die Kulissen

Liebe Leser:innen,

vielen Dank für die zahlreichen Zuschriften zu Themen, die ihr euch für die 100. Ausgabe des „Wohnzimmers“ wünschen würdet. Die Vorschläge gingen von Stevie Wonder bis Herman Brod, von Neurowissenschaft bis Musikproduktion, von KI bis WM. Das zeigt, dass ihr dem „Wohnzimmer“ viel zutraut, und das freut mich sehr. Da sind tolle Anregungen für die nächsten 100 Folgen dabei!

Am häufigsten war allerdings der Wunsch, ein bisschen mehr über die Entstehung des „Wohnzimmers“ zu erfahren. Ein Blick hinter die Kulissen. Ihr wollt die ganze Wahrheit. Wie ich des nächtens in irgendwelchen Rockstargarderoben in die Tasten meiner Hermes Baby haue, um mich herum schöne Menschen, wo man auch hinsieht, und grinsende Gesichter auf dem Männerklo. Aber es ist ein ganz normales Großraumbüro, in dem ich hier sitze. Und ein unaufgeräumter Schreibtisch, auf dem Bücher liegen, an entscheidenden Stellen mit Eselsohren versehen. Und ein Laptop mit zu vielen geöffneten Tabs. Meinen letzten Rockstar hab ich neulich im Edeka gesehen. Der sammelt auch die Fußballbildchen für seine Kinder.

Das „Wohnzimmer“ entsteht, wenn sich das Chaos von Schreibtisch, Browser und Gedanken im Textverarbeitungsprogramm langsam ordnet. Die Texte sind ein halböffentliches Nachdenken, das ich versuche, möglichst transparent darzustellen. Meist geht es um eine Frage, die mich eh gerade umtreibt, und dann nutze ich den Newsletter als Entschuldigung, mich näher damit zu beschäftigen – zu schauen, was andere darüber gedacht und geschrieben haben und mir meine eigene Meinung zu bilden. Ich bin vollkommen frei in meiner Themenwahl. Ich folge keinem Algorithmus, keiner Blattlinie oder sonstigen Agenda. Ich versuche zu beherzigen, was Harry Rowohlt mal ungefähr so formuliert hat: Schreiben, was man denkt, und vorher was gedacht haben.

Wolfgang aus Aachen schrieb mir nach der letzten Folge, dass er das „Wohnzimmer“ gerne lese, weil dort über Kunst als „Ausdruck gesellschaftlicher, politischer und allgemein-menschlicher Sujets oder auch Motor derselben“ geschrieben werde. Vieles sehe er ähnlich, manches auch nicht, aber er begreife den Newsletter als Anlass, sich mit anderen Haltungen und der eigenen Sichtweise auseinanderzusetzen. „Und genau diese offene, zutiefst demokratische und dem Willen des Zuhörens unterliegende Auseinandersetzung scheint immer schwieriger und in Teilen gar unmöglich zu werden“, schreibt er. „Gesellschaften spalten sich und verlieren die Fähigkeit, aufeinander zuzugehen und sich auf das Gemeinsame zu verständigen.“

Sich zu verständigen bedeutet ja erstmal nur, eine Bereitschaft zu haben, einander zuzuhören und anzuerkennen, dass auch diejenigen, die anderer Meinung sind als man selbst, Gründe für ihre Haltung haben. In diesem Sinne fand ich die Auseinandersetzungen, die ich mit einigen von euch im Lauf der Jahre per Mail geführt habe, wenn es beispielsweise ums Gendern ging oder um den Krieg in Gaza oder unseren Kolumnisten Kevin Kühnert, immer extrem fair und produktiv. Wir haben die Meinung des anderen respektiert und uns in einigen Fällen sogar einander angenähert oder erkannt, dass es die eine Wahrheit nicht gibt und dass man das eben aushalten muss.

Es scheint mir, als wäre es früher leichter gewesen, unterschiedliche Positionen nebeneinander wahrzunehmen und nachvollziehen zu können, wie Menschen zu ihren Ansichten gelangt sind. Dass man gestritten hat, ohne zu verleumden, dass unterschiedliche Meinungen auf der gleichen Zeitungsseite neben oder untereinanderstanden. Dass das nicht mehr so ist, liegt vermutlich einerseits an unserer stark fragmentierten Öffentlichkeit und andererseits daran, dass Medien es nicht mehr als ihre Aufgabe zu sehen scheinen, verschiedene Perspektiven auf ein Thema abzubilden und Debatten zu fördern.

Diedrich Diederichsen schrieb vor einiger Zeit auf der Seite des Diasporist darüber, wie sich das deutsche Feuilleton seit dem Zusammenbruch des Ostblocks verändert hat. Davor sei es ein geschützter Raum gewesen, in dem kulturelle und gesellschaftliche Fragen freier und spielerischer verhandelt werden konnten als beispielsweise im von der Blattlinie bestimmten politischen Teil, der quasi die ideologische Grundierung lieferte. Seit der Wiedervereinigung und schließlich beschleunigt durch den Aufstieg digitaler Öffentlichkeiten seien die alten politischen Lager verschwommen, Ironie und Gegenwartsbezug hätten den klassischen Bildungs- und Ideologiekritikanspruch ersetzt, während soziale Medien, algorithmische Logiken und neue Formen der Regulierung öffentlicher Rede entlang der Frage, was gesagt werden darf und was nicht, die Debatten zunehmend bestimmten. Besonders im Streit um Gaza und die damit verbundene deutsche Erinnerungspolitik oder in Identitätsfragen sei es, so Diederichsen, zu einer „Verengung des Diskurses“ gekommen.

Diederichsen schrieb diesen Text ursprünglich als Beitrag für die vieldiskutierte Tagung „Der große Kanton: Rise & Fall of the BRD“ in Zürich, bei der diskutiert wurde, ob sich die Bundesrepublik in einer politischen und kulturellen Krise befinde. Die Fixierung auf die historische Verantwortung hemme die Gegenwartspolitik in Bezug auf Israel und den Krieg in Gaza, so die These, zudem würden in öffentlichen Debatten kritische Stimmen zunehmend stumm gestellt. Mir geht es dabei weniger um die Frage, wer recht hat. Mich beschäftigt vielmehr, ob wir überhaupt noch Räume haben, in denen unterschiedliche Blickwinkel einander begegnen können, ohne sich sofort gegenseitig die Legitimität abzusprechen.

Wer in Deutschland aufgewachsen ist, hat die historische Verantwortung gegenüber Israel verinnerlicht. Gleichzeitig ließ sich das Leid der Menschen in Gaza nicht ignorieren. Ich hatte oft den Eindruck, dass viele Diskussionen weniger von dem Versuch geprägt waren, dieses Spannungsverhältnis auszuhalten, als davon, die jeweils andere Seite moralisch zu disqualifizieren. Dabei wäre gerade in solchen Konflikten die Bereitschaft nötig, Widersprüche anzuerkennen und Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zu Wort kommen zu lassen. Stattdessen hören wir immer wieder von Redner:innen, die ausgeladen werden, Preisträger:innen, die ihre Auszeichnungen dann doch nicht bekommen und Beiträgen, die nicht erscheinen oder - wie es euphemistisch heißt: „depubliziert“ werden. Und wer sich um Differenziertheit bemüht, wird besonders oft falsch verstanden, weil Texte nicht mehr als Argumentation gelesen werden, sondern als Anhäufung potenzieller Erregungspunkte.

„Wir sollten uns davor hüten, bei denen, mit denen wir nicht einer Meinung sind, immer das Schlimmste anzunehmen“, hat Barack Obama zwei Wochen nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 geschrieben. „In einer Zeit ständiger Feindseligkeiten, von Trolling und Falschinformationen in den sozialen Medien, in einer Zeit, in der so viele Politiker und Aufmerksamkeitssuchende einen Vorteil darin sehen, eher Hitze als Licht zu verbreiten, mag es unrealistisch sein, einen respektvollen Dialog zu irgendeinem Thema zu erwarten – geschweige denn zu einem Thema, bei dem so viel auf dem Spiel steht und nachdem bereits so viel Blut vergossen wurde. Doch wenn es uns wichtig ist, die Möglichkeit von Frieden, Sicherheit und Würde für künftige Generationen israelischer und palästinensischer Kinder – ebenso wie für unsere eigenen Kinder – offen zu halten, dann liegt es an uns allen, zumindest den Versuch zu unternehmen, durch unsere eigenen Worte und Taten die Art von Welt vorzuleben, die wir ihnen hinterlassen möchten.“

Eine Verständigung wird nur möglich sein, wenn wir einen Weg finden, einander wieder zuzuhören und die andere Seite auch zu Wort kommen zu lassen. Die Frage, wie wir mit Widersprüchen, Konflikten und gegensätzlichen Überzeugungen umgehen, stellt sich natürlich nicht nur im Nahen Osten. Sie stellt sich genauso in Deutschland – bei Migration, Klimapolitik, Geschlechterfragen oder der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus. Wir müssen wieder Argumente austauschen statt Vorurteile, uns den Vereinfachungen und Polarisierungen des Populismus widersetzen. Erst wenn wir uns und unsere politischen Gegner dazu zwingen, zu argumentieren, statt zu agitieren, wird ein gegenseitiges Verstehen zumindest wahrscheinlicher. Auf dieser Grundlage können wir dann darüber streiten und verhandeln, wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen kann.

Ob wir wollen oder nicht, müssen wir in den nächsten Monaten und Jahren mit rechten Mehrheiten in Deutschland umgehen. Die demokratischen Parteien werden jede Menge Kompromisse miteinander eingehen müssen, wenn sie weiterregieren wollen. Und wir dürfen uns deswegen nicht von ihnen abwenden. „In meiner Welt sind Kompromisse ein Synonym für das Wort Leben“, hat der israelische Autor Amos Oz 2002 bei seiner Tübinger Poetik-Dozentur gesagt. „Und wo Leben ist, da gibt es Kompromisse. Das Gegenteil von Kompromissen ist nicht Integrität, und das Gegenteil ist nicht Idealismus und nicht Entschlossenheit. Das Gegenteil von Kompromissen sind Fanatismus und Tod.“ Wenn die großen Gefühle gegen die guten Argumente gewinnen, sehe ich schwarz für unsere Zukunft – oder hellblau.

Ich hatte vorher nicht geplant, die 100. Ausgabe des „Wohnzimmers“ so feierlich und grundsätzlich anzulegen. Aber das ist nun mal, was mir durch den Kopf ging, als ich über meine Freiheit als Autor und unseren kleinen Newsletter nachdachte. Angestoßen von der Mail von Wolfgang aus Aachen, in der er am Ende schreibt: „Letztlich muss der Anspruch aber sein, alle Menschen einer Gesellschaft in einem Diskurs mitzunehmen, um Spaltung überwinden zu können. Für das Gelingen ist nicht nur die Politik, sondern jede und jeder Einzelne in einer nicht zu unterschätzenden Verantwortung. Zumindest das Bemühen hierzu begreife ich auch für mich persönlich als meine ganz individuelle demokratische Aufgabe.“

Ich wünsche euch eine gute Woche. Passt auf euch auf und schreibt mir weiterhin eure Anmerkungen und Anregungen zum „Wohnzimmer“ an wohnzimmer@rollingstone.de, empfehlt und leitet die aktuelle Ausgabe weiter, wenn sie euch gefällt. Ich trinke jetzt zur Feier des Tages ein Glas Rotwein auf euch (es ist hier gerade Donnerstagabend, nicht Freitagmorgen).

Herzliche Grüße, Maik Brüggemeyer