Gespräch
Meg Wolitzer
Ein Treffen mit der US-Autorin während der ersten Trump-Administration.
RS 01/19 Die US-Autorin Meg Wolitzer hat den Roman zur #MeToo-Bewegung geschrieben. Nicht dass sie es darauf angelegt hätte. „Das weibliche Prinzip“ dreht sich um ein gesellschaftliches Problem, das nicht erst durch den Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurde. Nur schienen vor allem Männer sich dafür nicht sonderlich zu interessieren. Diese männliche Ignoranz hat Wolitzer bereits 2012 in einem Essay für die New York Times beschrieben. Darin erzählt sie, wie sie sich bei einem Event mit einem Mann unterhielt. Er wollte wissen, wovon ihre Bücher so handelten, und sie erklärte, es gehe häufiger mal um Ehe, Familie, Sex, Verlangen und Kinder, woraufhin er nach einem peinlichen Moment der Stille seine Frau herbeigerufen habe, weil die „diese Art Buch“ lese. Vielen Männern scheint die Empathie oder das Interesse zu fehlen, sich mit der Lebenswelt weiblicher Autoren und Figuren zu beschäftigen. Diese keineswegs versteckte Misogynie spiegelt sich unter anderem auch in der Politik von Donald Trump wider, nicht zuletzt in der Ernennung des Juristen Brett Kavanaugh zum Richter am Supreme Court, nachdem dieser von der Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford beschuldigt worden war, sie sexuell bedrängt zu haben. Greer Kadetsky, die Hauptfigur von Das weibliche Prinzip, ist in einem ähnlichen Alter wie Kavanaugh und Ford damals, als sie auf einer Verbindungsparty am College von einem jungen Mann belästigt wird. Sie ist, wie sich herausstellt, nicht sein erstes Opfer, und Greer bringt ihn, ermutigt von einer Freundin, schließlich vor einen Disziplinarausschuss. Die Konsequenzen für den Täter sind gering, die junge Frau beginnt sich daraufhin für männliche Privilegien und weibliche Diskriminierung zu interessieren, findet in der 63-jährigen Feministin Faith Frank eine Mentorin und wird zur feministischen Aktivistin.
Sie haben vor ein paar Jahren in einem Text darüber geschrieben, dass weibliche Themen in der Literaturkritik nicht ernst genommen werden. So gesehen klingt schon der Titel Ihres neuen Romans wie ein „Finger weg – Frauenliteratur“. Ist das ein Spiel mit den Stereotypen oder eine Kampfansage?
Zunächst mal ist es ein humorvolles Spiel mit der Bedeutung des Wortes „persuasion“ – man benutzt es etwa neckend, wenn man zu seiner Frau sagt, sie gehöre zur „female persuasion“ (weiblichen Glaubensrichtung). Und zugleich geht es um Überzeugung: Es geht darum, wie wir einander überzeugen und beeinflussen. Das spielt eine große Rolle in dem Roman. Und wie eine Freundin anmerkte, steckt zu-dem ein Jane-Austen-Titel drin (Persuasion, dt. Titel: Überredung). Außerdem klingt es wie ein feministisches Sachbuch aus den Siebzigern. Und natürlich geht es auch um Feminismus in meinem Roman. Aber es handelt sich nicht um die große umfassende Sozialstudie zum Feminismus. Wenn die Leute das erwarten, werden sich sicher enttäuscht.
Der Roman ist in den USA im April erschienen, seitdem sprechen Sie mit Journalisten und Moderatoren von Lesungen aus aller Welt über ihn. Haben sich die Gespräche in den vergangenen Monaten verändert?
Die Welt hat sich seitdem sehr verändert, deshalb gibt es jetzt sehr viel mehr politische Fragen als zu Beginn. Es scheint mir, als wenn sich von Tag zu Tag etwas verändert und irgendwas Schlimmes passiert. Vor allem, als ich in den USA auf Lesereise war, kam es mir so vor, als würden wir erst nach und nach das Ausmaß von Trumps Misogynie erkennen. Ich meine, wir hatten schon eine Ahnung davon, bevor er Präsident wurde, durch die aufgezeichneten Gespräche, die an die Öffentlichkeit gelangten, aber es wurde immer klarer und deutlicher. Und es gab immer noch diesen kindlichen Wunsch, dass das vielleicht alles nicht wirklich passiert – aber das ist alles passiert. Und darüber im Lauf einer Reise mehr und mehr zu reden war eine ungewöhnliche Erfahrung für mich.
Die Anhörung von Brett Kavanaugh vor seiner Ernennung zum Richter am Supreme Court, nachdem die Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford den Vorwurf der versuchten Vergewaltigung auf einer Party im Jahr 1982 gegen den damals 17-Jährigen vorgebracht hatte, dürfte die Diskussion noch einmal stark geleitet haben, oder? Ihrer Hauptfigur geschah in einem ähnlichen Alter auf einer Verbindungsparty am College ja etwas ganz Ähnliches.
Ja, diese Ahnung von der Bevorteilung junger Männer, die mit so was lange Zeit durchgekommen sind, spielt jetzt eine größere Rolle in den Gesprächen. Es ist schwierig, wenn man ein Buch geschrieben hat, das in einem Moment wie diesem erscheint. Ich habe damit vor vier Jahren begonnen. Da gab es all die Probleme auch schon, und natürlich hat sich der Feminismus auch damals schon damit beschäftigt. Nur scheint das durch die jüngsten Entwicklungen relevanter geworden zu sein. Aber Das weibliche Prinzip ist kein #Me Too-Roman. Ich wüsste auch gar nicht, was das überhaupt sein sollte.
In Ihrem Bestseller Die Interessanten von 2014 haben Sie auch schon eine #MeToo- Situation thematisiert. Goodman, ein love interest der Hauptfigur Jules und der Bruder ihrer besten Freundin, wird von seiner Exfreundin der Vergewaltigung beschuldigt.
Ich habe mich gefragt, ob beide Bücher eine solche Szene haben dürfen oder ob ich mich da wiederhole. Und ich habe entschieden: Nein, ich wiederhole mich nicht, weil solche Geschichten nun mal weitverbreitet sind und weil sie in den Romanen eine unterschiedliche Bedeutung haben. Niemand wird in Die Interessanten zur Aktivistin. Und es stimmt, bei der Kavanaugh- Anhörung dachte ich an diesen Teil der Handlung, weil es dort darum geht, wem man glaubt und wem nicht.
Auch als Leser tappt man da ziemlich im Dunkeln. Eigentlich sympathisiert man mit Goodman, weil man ihn viel besser kennt als seine Exfreundin Cathy, die ihn beschuldigt. Aber dann trifft sich Jules in einem Café mit Cathy, und Sie beschreiben ihre abgenagten Fingernägel, und auf einmal ist man sich nicht mehr so sicher, ob Goodman wirklich unschuldig ist.
Die Szene habe ich lange mit meiner Agentin diskutiert, und tatsächlich hat sie mich dazu gebracht, es so zu schreiben und dem Leser dann die Entscheidung zu überlassen, ob Cathy glaubwürdig ist oder nicht. Und die Aussage von Dr. Ford in der Brett- Kavanaugh-Anhörung ist so ergreifend und deutlich und überzeugend, weil wir glauben, mit eigenen Augen sehen zu können, ob sie die Wahrheit sagt oder eben nicht.
Fühlt sich die ganze Situation für Sie manchmal an, als wären sie in einen dystopischen Roman geraten? Ja, tatsächlich. Eine Figur wie Trump, so vulgär, schlau und zugleich dumm: Es wäre beim Lesen ziemlich unangenehm, sich die ganze Zeit in der Gegenwart einer solchen Figur zu befinden. Man hätte das Gefühl, sie wäre den politischen Wahnvorstellungen des Autors entsprungen, und der Lektor hätte ihm sagen müssen: Fahr das mal ein bisschen runter, das fühlt sich nicht echt an. Und wir sind alle erschöpft von den vielen Dingen, die sich nicht echt anfühlen in unseren Leben.
Die Idee und ein Großteil des Textes von Das weibliche Prinzip sind während Obamas Präsidentschaft entstanden. Haben Sie nach der Wahl von Donald Trump am Text noch Wesentliches verändert?
Das Buch sollte nicht bis auf die Minute genau davon handeln, wie wir jetzt leben. Aber während ich es schrieb, fühlte es sich so an, als wäre die erste US-Präsidentin im Amt, wenn es rauskäme. Und ich habe gesagt: Was ist, wenn es anders kommt und plötzlich all die Errungenschaften wie das Tischtuch im Zaubertrick unter uns weggezogen werden. Und meine Lektorin sagte: Okay, du hast noch ein bisschen Zeit mit dem Ende. Und ich wollte meine Figuren in die Zukunft dieser, wie ich es genannt habe, „big terribleness“, werfen, weil ich denke, dass wir uns mitten in einer Zeit befinden, in der wir unser Verständnis von dem, was Fortschritt bedeutet, überdenken müssen. Vielleicht werden wir nie ankommen.
Sie meinen, die #MeToo-Bewegung ist an Trump gescheitert?
In der Zweiten Welle des Feminismus war ein zentraler Punkt, dass die Dinge irgendwann gelöst werden, und das schien das Reizvolle daran. Aber es gibt sehr viele Probleme, die immer noch nicht gelöst sind. Und jetzt sind Misogynie und Abscheu und Aggression gegenüber Frauen wieder ganz weit vorn. Deshalb fand ich es sinnvoll, mein Buch quasi mitten in einer Bewegung zu beenden.
Der Women’s March auf Washington, der im letzten Kapitel Ihres Buches vorkommt, ist eine Bewegung im wörtlichen Sinne gewesen. Und ich beobachte in Deutschland etwas sehr Ähnliches: Die Leute gehen wieder auf die Straße, um für oder gegen etwas zu demonstrieren. Das gab es in diesem Ausmaß schon lange nicht mehr.
Stimmt, das fand alles im Internet statt. Dort konnte man seine Stimme zeigen, dort kam man zusammen. Aber ich fand, es war wirklich not-wendig, an diesem Frauenmarsch in Washington teilzunehmen. Es hatte die Qualität eines Antidepressivums, dort hinzugehen und die Menge an Leuten zu sehen und zu wissen, dass es eine Widerstandsbewegung geben würde. Und so ist es auch. Aber man brauch t jeden Tag eine Vielzahl an Strategien, um mit der Situation fertigzuwerden.
Was kann man als Schriftsteller in solch einer Situation tun? Bücher scheinen ja eigentlich zu langsam, um die turbulenten Zeiten einzufangen.
Darüber habe ich schon viel nachgedacht, und ich glaube, dass die Tatsache, dass das Buch ein so langsames Medium ist, für jetzt genau das Richtige ist. Ich glaube nicht, dass wir die Geschwindigkeit des Chaos, in das Trump uns gebracht hat, imitieren müssen. Und ich glaube auch nicht, dass wir die Geschwindigkeit des 24-Stunden-Nachrichtenkreislaufs imitieren müssen. Das Internet hat schon vor Trump eine neue Art des Zeitrahmens geschaffen; die Dringlichkeit herauszufinden, was gerade passiert, ist weitaus größer geworden. Es scheint fast so, als würde das ältere Bedürfnis nach Wissen durch ein Bedürfnis nach Information ersetzt. Aber in der Fiktion sucht man nach Nuancen, das sucht man nicht in einer fiebrig geschriebenen Nachricht. Eine Welt wie diese ohne die Kunst, die etwas langsamer reflektieren kann, macht mir Angst.
Aber was kann die Kunst tun?
Ich weiß es nicht. Aber wenn ich mir vorstelle, sie würde uns genommen, würde ich mich fühlen, als lebte ich in einer schrecklichen Dystopie – und ich schätze, das tue ich im Moment auch. (Lacht) Aber ich glaube, man muss sich auf die Leseerfahrungen der Vergangenheit besinnen und darauf, welche Kraft sie ausgeübt haben und welchen Einfluss sie auf einen hatten, während man aufwuchs und seine Identität entwickelte. Wir wenden uns Büchern aus allen möglichen Gründen zu. Als Trostspender zum Beispiel, für ein tieferes Verständnis. Ich glaube, der Begriff Empathie spielt eine Rolle. Menschen, die Belletristik lesen, haben eine höhere Fähigkeit zur Empathie, dazu gibt es psychologische Studien. Wir haben das immer gewusst, aber plötzlich konnten wir es belegen. Manchmal versuche ich mir die absurdesten Dinge vorzustellen, zum Beispiel Donald Trump, der Alice Munro liest. Etwas, das für ihn keinen Sinn hätte – er könnte es nicht verarbeiten, es ist zu subtil, es ist zu menschlich.
Donald Trump hat die Menschlichkeit, die man in den Statements von Barack Obama fand, durch Geschwindigkeit ersetzt. Jeder Tweet dient dazu, den Tweet davor vergessen zu machen.
Es ist in gewisser Weise ein Protestakt, ein Leser oder ein Autor zu sein, weil man damit sagt: Nein, ich werde nicht mit deiner Geschwindigkeit mitgehen. Ich brauche noch die Zeit, um Ideen zu erforschen und mich damit auseinanderzusetzen, auch wenn das im Moment sehr schwer ist, weil man immer sofort reagieren möchte. Aber ein Roman zeigt uns, was es bedeutet, jemand anders zu sein. Während die extreme Rechte durch die Welt torkelt, nimmt die Empathie ab.
Lesen als Trost und Systemverweigerung.
Literatur erinnert uns daran, dass die Engherzigkeit und Beschränktheit und die Gefahren der jetzigen Regierung nur ein Teil der Geschichte sind, denn während das passiert, leben die Leute ihr Leben weiter, und Ehepartner und Kinder sterben, und die Menschen müssen weiterhin jeden Tag zurück nach Hause. Ich habe neulich zu einer Freundin, die ein kleines Kind hat, gesagt, dass ich sie darum beneide, denn kleine Kinder brauchen bestimmte Dinge von einem, ganz egal ob Obama im Weißen Haus sitzt oder Trump. Und es liegt ein Trost darin, ihnen diese Dinge zu geben. Und die Normalität des Lesens, dass man bereit ist, eine bestimmte Zeit des Tages dafür herzugeben, weil es einem wichtig ist, die Langsamkeit des Lesens, das ist auch ein großer Trost.
Was lesen Sie denn gerade?
Ich habe mir für meine Lesereise einige Bücher auf mein iPad geladen, normalerweise lese ich lieber richtige Bücher. Das Gesamtwerk von Virginia Woolf für 99 Cent – wow! Auf so einer Lesereise mit der ganzen Aufregung habe ich oft nicht die volle Konzentration, die ich sonst zum Lesen brauche, nutze aber die alten Leseerfahrungen, um mich dar-an zu erinnern, dass in der Zukunft neue hin-zukommen werden. Wir sind von der Menge an Text in unserem Leben oft überwältigt. Es ist alles zu viel, und es macht einen krank. Bücher scheinen daher für viele Menschen weniger begehrenswert als früher, aber wenn man sich überwinden kann, sind sie zugleich eine Verbindung zu einer früheren Welt.