Essay · Gesellschaft
Was ist guter Geschmack?
Julia, Britta, Jörn und Markus – vier Arbeitskollegen, nicht verpartnert – sitzen am Tresen einer zum hippen Club umfunktionierten ehemaligen Stripbar in der nördlichen Kölner Altstadt. Markus arbeitet im Marketing eines Verlags und verdient sehr gutes Geld, die anderen drei schreiben für ein Magazin desselben Verlags über Kultur und bessern ihre klägliche Monatspauschale mit Beiträgen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Tageszeitungen auf (außerdem entgehen sie so dem Verdacht der Scheinselbständigkeit). Julia legt zudem in besagtem Club ab und zu auf, Jörn hilft gelegentlich samstags in einem Plattenladen aus, und Britta spielt mit ihrer Band, die eigentlich experimentelle Rockmusik mit feministischen Texten macht, in der fünften Jahreszeit auf alternativen Karnevalsveranstaltungen Ska-Versionen bekannter Stimmungslieder.
Marketingmensch Markus ist zum ersten Mal hier. Julia, mit der er über ein mögliches Advertorial, also einen Werbetext, der aussieht wie ein redaktioneller Beitrag, in der nächsten Ausgabe des Magazins, gestritten hat, hat ihn auf ein »Versöhnungsbier« mitgeschleppt. Er fühlt sich ein wenig ausgeschlossen, weil die anderen drei über irgendwelche Bands, Filme und Bücher reden, von denen er noch nie gehört hat. Doch dann fällt der Name »Elton John«. Genauer gesagt, hat Britta gerade entzückt gerufen: »Ich liiiebe Elton John!«
Was ist hier passiert?
Jörn, Britta und Julia haben in der zweiten Hälfte der Achtziger begonnen, sich für Popmusik zu interessieren. Elton John war damals mit Hits wie »Nikita« und »Candle In The Wind« ungeheuer populär. Aber nicht bei ihnen, sondern bei ihren Eltern …
Markus ist ein paar Jahre jünger als die anderen drei. Er hat sich in seiner Jugend eher für Computerspiele und Fußball interessiert als für Musik. Die spielte zu Hause eigentlich nie eine besonders große Rolle. Aber er mochte ein paar Lieder von Green Day und den Toten Hosen …
An diesem zugegebenermaßen ein wenig überzeichneten und doch nicht ganz lebensfremden Beispiel kann man schon sehen, dass Geschmack etwas sehr Subjektives, zu Teilen biografisch Bedingtes, aber auch Erlern- und Veränderbares ist. Der Geschmack einer Person kann etwas über ihr Alter, ihre Sozialisation, ihre Zugehörigkeit zu kulturellen und sozialen Gruppen, die Vertrautheit mit dort um mehr oder weniger feine Unterschiede geführten Diskussionen und ihr generelles Interesse an bestimmten Themen verraten. Ob dieser Geschmack als gut oder schlecht beurteilt wird, hängt zu nicht geringem Maße davon ab, ob der Beurteilte und der Beurteilende einige dieser Merkmale teilen.
Der französische Kultursoziologe Pierre Bourdieu legte nahe, so wie sich die Gesellschaft früher in sozioökonomische Klassen einteilen ließ, könne man sie heute anhand geteilter ästhetischer Urteile in Geschmacksklassen differenzieren. Der Musiktheoretiker Diedrich Diederichsen identifizierte gar ein Geschmacksbürgertum: Während sich das Bürgertum früher durch Bildung vom Rest der Gesellschaft abgesetzt habe, tue es das heute durch einen möglichst erlesenen Geschmack, der popmusikalisch in der Regel aus quasi heiliggesprochener, an den Grenzbereichen zu »anspruchsvolleren« Kunstformen wie Jazz, Klassik, Literatur oder Theater spielender Musik zu finden ist.
Geschmacksbürger mögen etwa den amerikanischen Songwriter Tom Waits, der mit seinen Liedern für den texanischen Musical- und Theater-Regisseur Robert Wilson in die Hochkultur wechselte (siehe auch das Kapitel »Sollten Popmusiker ins Theater gehen?«), oder die vom Gitarristen und Soundethnologen Ry Cooder wiederentdeckten und vom Regisseur Wim Wenders in einer Dokumentation festgehaltenen greisen kubanischen Musiker des Buena Vista Social Club sowie den in Zeiten des New Wave bekannt gewordenen Songwriter Elvis Costello. Der britische Elvis nahm in späteren Jahren, begleitet vom klassischen Brodsky Quartet, ein Album mit von Shakespeare inspirierten Stücken auf, komponierte eine Ballettmusik, produzierte ein Album der schwedischen Sopranistin Anne Sofie von Otter und schrieb Lieder mit seiner Ehefrau, der Jazzsängerin Diana Krall. Dagegen lässt sich natürlich wenig sagen, wenngleich es sicher aufregendere Musik gibt als diese. Manchmal muss man für den Spaß und das Abenteuer auch die Grenzen des vermeintlich guten Geschmacks überschreiten.