Essay · Pop

Warum die Deutschen David Hasselhoff liebten

Über den Mauerfall, Popmythen und einen Mann, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort sang.

I've Been Looking For Frieden2018

1989 war das Jahr, in dem mir die Geschichte zum ersten Mal ihren Odem ins Gesicht hauchte. Fast mit dem letzten Atemzug. Am Silvesterabend. Ich saß mit meinen Eltern auf unserer Wohnzimmercouch gegenüber der großen neuen Eichenschrankwand und schaute auf den zwischen den ungelesenen Johannes-Mario-Simmel- und Marie-Louise-Fischer-Bänden aus dem Bertelsmann-Buchclub platzierten klobigen Fernseher der fränkischen Marke Metz. Auf dem Tisch standen vor mir ein Glas mit Salzstangen und eine Flasche Malzbier. Those were the days! Auf dem gewölbten Bildschirm, der damals noch eine Röhre besaß und somit tatsächlich flimmerte (mal mehr, mal weniger), sah man einen groß gewachsenen, braun gebrannten Mann mit prächtig lockiger Tolle vor dem Brandenburger Tor stehen. Um seinen mächtigen Hals lag ein Schal im Klaviaturlook, über seinen breiten Schultern trug er eine schwarze Lederjacke mit blinkenden Sternen, die aussahen, als hätte er sie von der US-Flagge heruntergenommen. Hinter ihm stand unbeeindruckt die Berliner Mauer, davor und darauf hüpften jubelnde Menschen. Und während die Plattform, auf der er stand, von einem Kran langsam in die Höhe gehoben wurde, bis sie über der Menge schwebte, bellte er ein Lied, dem man in den vergangenen Monaten in keinem noch so abgelegenen Winkel des Landes hatte entkommen können.

I’ve been looking for freedom I’ve been looking so long I’ve been looking for freedom Still the search goes on I’ve been looking for freedom Since I left my home town I’ve been looking for freedom Still it can’t be found

Dazu tönte ein stumpfer Beat, der, wie das in jener Zeit üblich war, so klang, als würde auf der Zwei und der Vier jeweils irgendwo in einer riesigen Höhle ein Autoreifen platzen. Der Sänger schaute kaum in die Kamera, sang vielmehr die Menge auf und vor der Mauer an und versuchte sie mitzureißen – mit gestreckter Faust, im Takt wippendem erhobenem Zeigefinger und angedeuteter Klatschbewegung während des Refrains. Die Menschen waren aber sowieso schon aus dem Häuschen, denn die meisten von ihnen hatten zu Hause bestimmt – im Gegensatz zu uns – Privatfernsehempfang und kannten ihn unter dem Namen Michael Knight aus einer amerikanischen Serie, in der sein bester Freund ein sprechendes Auto mit dem Namen K.I.T.T. war. „Er kommt – Knight Rider. Ein Auto, ein Computer, ein Mann“, hieß es, wie ich von Fernsehnachmittagen bei meinem besten Freund Jörg wusste, im Vorspann dramatisch und dann nach bedeutungsvoller Pause: „Knight Rider – ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht.“ Michael Knight hieß eigentlich David Hasselhoff, war siebenunddreißig Jahre alt, lebte in Kalifornien und seine Ur-Ur-Großmutter Meta war 1865 aus Völkersen bei Bremen ins amerikanische Baltimore übergesiedelt. Dort war er auch auf die Welt gekommen, hatte dann mit seinen Eltern in Florida und Georgia gelebt, später in Michigan und Kalifornien Schauspiel studiert und von einer Broadway-Karriere geträumt. Ein All-American-Boy also. Erfolg hatte er schließlich in der Seifenoper The Young And The Restless (melodramatischer deutscher Titel: Schatten der Leidenschaft) als junger Arzt William „Snapper“ Foster. Sein Traum einer Sanges- und Tanzkarriere am Broadway erfüllte sich aber nicht. Immerhin, zwei in den USA wenig erfolgreiche Platten mit Liebesschnulzen nahm er Mitte der Achtziger auf. Aber dann kam eben „Looking For Freedom“, und er wurde damit in Deutschland zum, nun ja, Rockstar. Viele seiner vornehmlich in Deutschland beheimateten Fans dachten damals, dieses Lied handle vom Frieden; was in Zeiten des Kalten Krieges an sich ja schon mal eine gute Sache war. Aber David Hasselhoff sang nicht etwa, wie uns Frau Lüdinghaus im Englischunterricht an der Anne-Frank-Realschule in Ibbenbüren aufklärte, „I’ve been looking for Frieden“, sondern „I’ve been looking for freedom“, und „freedom“ bedeutete, so lernten wir, die für immer in katholischen Schuldkomplexen gefangenen Teenager, „Freiheit“. Das Lied erzählt nämlich eine Variation der biblischen Geschichte vom verlorenen Sohn, der das wohlhabende elterliche Haus verlässt, weil er genug hat von all dem Reichtum und lieber frei sein will. Der Vater gibt ihm noch mit auf den Weg, dass er eines Tages, wenn er erkannt habe, wie viel Freiheit man mit Geld kaufen könne, reumütig zurückkehren werde. Doch den Sohn kümmert das nicht, er zieht über Land, nimmt Gelegenheitsjobs an und muss wohl noch viel und hart arbeiten, um die Freiheit zu finden, die er sucht. Einerseits bezieht sich „Looking For Freedom“ also auf den amerikanischen Traum, der besagt, dass es jeder schaffen kann, wenn er sich nur hart genug anstrengt, und andererseits auf die Ideale der Achtundsechziger, nach denen es wichtiger ist, Erfahrungen zu sammeln als materielle Reichtümer. Geschrieben wurde das Lied allerdings Mitte der Siebziger von einem Deutschen und einem Engländer. Die Musik stammt von Horst Nußbaum, einem Metzgersohn aus Köln, der Ende der Fünfziger vom großen Hennes Weisweiler entdeckt worden war – nicht als Komponist natürlich, sondern als Fußballer. Der legendäre Trainer, der in den Siebzigerjahren mit Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln Pokale und Meisterschalen sammeln sollte wie kein zweiter, verpflichtete ihn für die Oberligamannschaft von Viktoria Köln, in der auch der spätere Bundestrainer Erich Ribbeck seinerzeit spielte. Später wechselte Nußbaum zum damals recht hochklassigen FK Pirmasens, dann zum TSC Zweibrücken und schließlich zum PSV Eindhoven, wo er in der Saison 1965/66 acht Spiele als Profifußballer absolvierte, zwei Tore schoss und niederländischer Vizemeister wurde. Danach ging er nach Berlin, spielte als Amateur für Tennis Borussia und wurde Ende der Sechziger Trainer der ersten Damenmannschaft des Vereins. Am Rand des Trainingsplatzes sah man immer öfter prominente Gesichter von Schlagerstars wie Lena Valaitis, Roberto Blanco und Tony Marschall, die hinterher einen Termin mit einem gewissen Jack White hatten. Das war Nußbaums Pseudonym als Komponist und Musikproduzent. Er schrieb Hits wie „Schöne Maid“ oder „Eine Liebe ist wie ein neues Leben“, und die deutsche Fußballnationalmannschaft sang 1974 sein „Fußball ist unser Leben“ und wurde dann Weltmeister. Da hatte er zum ersten Mal ein Lied geschrieben, das zum Soundtrack eines historischen Ereignisses wurde. Bald versuchte er sich für den internationalen Markt auch an englischsprachigen Liedern, für die öfter der Brite Gary Cowtan, der mit seiner Band The Shamrocks Mitte der Sechziger in Berlin gestrandet war, die Texte beisteuerte. So auch für „Looking For Freedom“, das White schließlich dem Sänger Marc Seaberg anbot, der es damit 1978 immerhin bis auf Platz vierzehn der bundesdeutschen Hitparade schaffte. Seaberg hieß eigentlich Franz Seeberger und war auch in späteren Jahren gemäß seines Hits ein freiheitsliebender Mensch. 2011 verurteilte ihn das Amtsgericht Erlangen zu einer Strafe von einhundertfünfzig Euro, weil er in seinem Szenelokal „Star-Club“ das Rauchen trotz der strikten Anti-Raucher-Gesetzgebung erlaubt hatte. David Hasselhoffs Version von „Looking For Freedom“ stieg schließlich am 20. März 1989 in die deutschen Single-Charts ein. Zwei Wochen später war das Lied auf Platz eins und blieb dort bis Ende Mai. In dieser Zeit bekam der sogenannte Eiserne Vorhang, der Europa in Ost und West teilte, erste Risse, denn die ungarische Regierung begann auf Druck der Opposition mit dem Abbau der Grenzsperren nach Österreich. Soldaten demontierten die elektronischen Sicherungsanlagen und Stacheldrahtzäune nahe der Ortschaft Köszeg, und die ersten DDR-Bürger nutzten ihren Ungarn-Urlaub zur Flucht in den Westen. Die Regierung unter dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker machte vorerst weiter, als sei nichts gewesen, manipulierte am 7. Mai wie üblich die Kommunalwahlen und stellte sich nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, bei dem das Militär Proteste der studentischen Demokratiebewegung blutigst, mit nach einigen Schätzungen an die 3000 Toten niedergeschlagen hatte, demonstrativ hinter die chinesische Regierung. Während man im Westen noch wichtigeres zu tun hatte und zahlreich gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Berliner Stadtautobahn AVUS protestierte, und eine kuriose kleine Gruppe von höchstens einhundertfünfzig jungen Menschen hinter ein paar Kleinbussen mit riesigen Frontlautsprechern über den Kurfürstendamm spazierte, um für Frieden, Freude und Eierkuchen zu demonstrieren (mehr dazu im nächsten Kapitel), formierte sich in der DDR der Protest gegen Wahlmanipulationen und für eine Versammlungs- und Reisefreiheit. Die montäglichen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche wurden zu regelrecht politischen Veranstaltungen und mündeten schließlich in den sogenannten Montagsdemonstrationen, die im Herbst 1989 von Woche zu Woche mehr Teilnehmer anlockten. Viele Bürger hatten jedoch weniger Hoffnung auf einen inneren Wandel der DDR. Allein im Sommer waren schon hundertzwanzigtausend Ausreiseanträge bei den DDR-Behörden eingegangen, etwa sechshundert Ostdeutsche hatten am 19. August ein Fest der Paneuropa Union und des ungarischen Demokratischen Forums an der ungarisch-österreichischen Grenze zur Flucht durch ein Grenztor genutzt, andere besetzten westliche Botschaften in Budapest, Warschau, Ost-Berlin und Prag, die teilweise wegen Überfüllung geschlossen werden mussten. Am 30. September entließ der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der Prager Botschaft viertausend DDR-Bürger in die Freiheit. Als der Zug zwei Tage vor dem großen Festakt zum vierzigsten Jahrestag der Gründung des sozialistischen deutschen Staates am 6. Oktober mit den Flüchtlingen aus Prag auf dem Weg gen Westen durch Dresden fuhr, kam es zu großen Unruhen in der Stadt. Im Westen schaute man mit Besorgnis und Bewunderung auf die Geschehnisse, hatte man doch gerade gesehen, wie China am Platz des himmlischen Friedens moralisch unterstützt von der DDR-Regierung mit Systemkritikern umgegangen war. Aber es gab auch Hoffnung, dass alles gut ausgehen könnte, und vermutlich lag das auch daran, dass nicht wenige noch dieses tumb stampfende Lied, von dem man nicht genau wusste, ob es von Frieden oder Freiheit handelte, im Ohr hatten. Der junge Sven Regener, der vierzehn Jahre später in seinem Roman Herr Lehmann davon erzählen sollte, wie die Kreuzberger Boheme sich in den letzten Monaten des Jahres 1989 gemütlich an die Berliner Mauer schmiegte wie eine bayerische Bergbauernfamilie in einen Herrgottswinkel, raunte zu dieser Zeit zum ersten Mal auf einem Album seiner Band Element of Crime einen deutschen Text. „Der Mann vom Gericht“ hieß das Lied, das klang wie eine vergessene Moritat von Bert Brecht und Kurt Weill aus einer Zeit, als Berlin noch keine geteilte Stadt war.

Keine Bekannten und keine Verwandten Sind so treu wie ich, auch Freunde nicht, Das kommt davon, das kommt davon. Das Telefon tot, die Fenster düster, Die schreienden Biester wollen Abendbrot, Das kommt davon, das kommt davon.

Regeners Band hatte im Oktober 1987 in der Ost-Berliner Zionskirche ein Konzert gegeben, und nachdem die sie ihr letztes Lied gespielt und sich schon in die Sakristei zurückgezogen hatte, waren Skinheads unter „Sieg Heil“-Rufen in die Kirche gestürmt und hatten Konzertbesucher zusammengeschlagen. Der antifaschistische Schutzwall schien seine Aufgabe also all die Jahre nicht besonders zufriedenstellend erfüllt zu haben. Element of Crime waren bei weitem nicht die einzige Band aus dem kapitalistischen Westen, die ein Gastspiel im Osten gab. Sogar Bob Dylan hatte ein paar Monate vor dem übel endenden Konzert in der Zionskirche schon in arg betrunkenem Zustand im Treptower Park gespielt (es ging trotzdem kaum jemand vorzeitig). Joe Cocker, James Brown und Bruce Springsteen spielten ein Jahr später mit in Pathos getränktem historischem Bewusstsein auf der Radrennbahn Weißensee. „Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein“, rief Springsteen, dessen Auftritt die veranstaltende FDJ ohne sein Wissen als Tribut an die sandinistische Revolution als „Konzert für Nikaragua“ angekündigt hatte, seinen Fans aus dem Osten in gebrochenem Deutsch zu. „Ich bin nicht hier für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock’n’Roll zu spielen; in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.“ Eigentlich hatte er sagen wollen „dass eines Tages alle Mauern umgerissen werden“, aber da hatte der Veranstalter große Bedenken geäußert und der Künstler hatte den Text in letzter Sekunde umändern müssen. Auch Ostrock-Bands mischten sich in Weißensee zwischen die internationalen Stars. Während der Friedenswoche 1988 standen neben dem deutschen Liedermacher Heinz-Rudolf Kunze und dem kanadischen Softrocker Bryan Adams auch City aus Ost-Berlin auf der Bühne. Hören wollte die allerdings niemand. „Der Großteil der DDR-Bevölkerung – und vor allem der Jugendlichen – hatte sich innerlich schon verabschiedet von dem Land“, erklärte City-Sänger Toni Krahl später. Seine Band sei wohl zu sehr mit dem System assoziiert gewesen, gegen das man nun kämpfte. Die DDR-Jugendlichen versammelten sich lieber am Mauerabschnitt hinter dem Reichstag, um zuzuhören, wie im Westen, auf der Wiese vor dem ehemaligen Parlamentsgebäude, in dem sich ein Museum über den Bundestag und die wenig ruhmreiche Geschichte des Reichstags befand, Weltstars wie David Bowie, Genesis, die Eurythmics, Pink Floyd oder Michael Jackson auftraten. Bowie hatte schon 1977 in seinem Song „Heroes“ – ähnlich wie Udo Lindenberg vier Jahre zuvor in seinem „Mädchen aus Ost-Berlin“– eine tragische Liebesgeschichte erzählt, die an der Berliner Mauer spielte. Die Idee kam ihm, als er während der Arbeit an seinem neuen Album vom Fenster des West-Berliner Hansa-Studios in der Nähe des früheren Potsdamer Platzes auf den Grenzstreifen schaute und dort seinen Produzenten Tony Visconti mit der Sängerin Antonia Maaß knutschen sah:

I can remember Standing by the wall And the guns shot above our heads And we kissed, as though nothing could fall And the shame was on the other side Oh we can beat them, for ever and ever Then we could be Heroes, just for one day.

Maaß übersetzte das Lied – wie es scheint: einem frühen menschlichen Vorfahren von Google Translate ähnlich – mechanisch ins Deutsche. Die unbeholfenen Zeilen sind aber nicht dem fehlenden Sprachgefühl der Sängerin geschuldet, sondern David Bowies Schwierigkeiten, die deutschen Wörter angemessen zu singen. Er zwang Maaß so lange, den Text zu verändern, bis er ihn einigermaßen in den Mund und wieder hinaus bekam. Auch wenn der Sinn doch ein wenig darunter litt.

Die Mauer im Rücken war kalt Schüsse reißen die Luft Doch wir küssen als ob nichts geschieht Und die Scham fiel auf ihre Seite Oh, wir können sie schlagen, für alle Zeiten, dann sind wir Helden, für diesen Tag.

Antonia Maaß blieb tatsächlich eine Heldin für einen Tag und gab ihre Musikkarriere bald auf, um eine Ausbildung zur Arzthelferin zu machen und schließlich bis zu ihrer Pensionierung als Laborassistentin im Benjamin-Franklin-Krankenhaus in Berlin-Steglitz zu arbeiten. David Bowie hat sie danach nie wiedergesehen. Nicht mal, als der an Pfingsten 1987 vor dem Reichstag spielte. Sechzigtausend Fans feierten vor der gigantischen Bühne, auf der anderen Seite der Mauer standen immerhin ein paar tausend, und die Beamten der Volkspolizei hatten alle Hände voll zu tun, die Namen und Anschriften aller Anwesenden zu protokollieren. Der Wind stand immerhin günstig und sie konnten alles hören. „Ich habe viel mit jungen Leuten gesprochen, als ich gestern drüben war“, erklärte Bowie in einem Interview. „Und ich glaube schon, dass einige von ihnen zum Konzert heute Abend kommen werden.“ Während des Konzerts ließen Soldaten der Nationalen Volksarmee allerdings die Motoren ihrer LKWs aufheulen, um die Musik zu übertönen (Pink Floyd richteten daraufhin ein Jahr später einen mächtigen Boxenturm Richtung Osten, um wiederum die LKWs zu übertönen). Gegen Mitternacht eskalierte die Situation. Die Polizei hatte die friedlichen Zuhörer eingekesselt und schlug mit Gummiknüppeln auf sie ein, die Musikfans antworteten mit Sprechchören, riefen „Bullenschweine verpisst euch, niemand vermisst euch!“ und „Die Mauer muss weg!“ und skandierten immer wieder „Gorbi! Gorbi! Gorbi!“ Das war die beinahe zärtliche Koseform des Namens „Gorbatschow“. Michail Gorbatschow war Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und forcierte seit seinem Antritt 1985 eine Politik der Offenheit (russisch: Glasnost) und des Umbaus (Perestroika). Der in Moskau geborene, in Prenzlauer Berg wohnende Bestsellerautor Wladimir Kaminer erzählte mir mal, Gorbatschow habe als Südrusse einen seltsamen Dialekt gesprochen, den „kein normaler Mensch“ verstanden habe, und als man schließlich gemerkt habe, was der Genosse mit dem Land vorhatte, seien die Reformen schon nicht mehr aufzuhalten gewesen. Misskommunikation ist immer noch die schönste Kommunikation. Udo Lindenberg richtete nach der Eskalation am Rande des Bowie-Konzerts einen offenen Brief an Erich Honecker, den er mit einer Lederjacke als Anhang nach Ost-Berlin schickte: „Die Kids sind keine Krawallisten und Randaleure“, schrieb er in seinem üblich schnoddrigen Lindenbergdeutsch, „die stehen genauso wie du auf Rock’n’Roll und Locker-drauf-Sein. Den Trouble gab’s doch erst durch das hirnlose Vorgehen der Rudi-Ratlos-Gangs von der Vopo.“ Honecker bedankte sich für die Jacke – ästhetisch sei das sicher Geschmackssache, „aber sie passt“ – und schickte ihm eine Schalmei, ein altertümliches Holzblasinstrument, das spätestens seit dem Barock in der klassischen Musik keine Rolle mehr spielte. Ein Friedensangebot. Hieß es doch in der deutschdemokratischen Überarbeitung der griechischen Komödie Der Frieden von Aristophanes durch den sozialistischen Dichterfürsten Peter Hacks:

Es tönt die Schalmei der Frieden zog ein. Wir würzen den Wein mit Zimt und Salbei. Die Oliven gedeihn der Krieg ist vorbei.

Eine bereits geplante Konzertreise durch die DDR durfte Lindenberg in jenem Jahr trotzdem nicht machen. Als der gebürtige Saarländer Honecker wenig später in seiner Funktion als Staatsratsvorsitzender erstmals die Bundesrepublik Deutschland besuchte, und sich das Geburtshaus von Friedrich Engels in Wuppertal anschaute, schlenderte Udo Lindenberg locker-flockig durch die Menge, um seinem Brieffreund aus dem Osten eine Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“ zu überreichen und erneut in einem beigefügten Brief um Auftrittsgenehmigung im Osten nachzusuchen. Im Gegensatz zu vielen anderen friedensbewegten Künstlern aus dem Westen nahm er tatsächlich Kontakt auf; und das sicherlich nicht nur, um ein paar Konzerte mehr oder weniger spielen zu dürfen. Aber insbesondere Honeckers politischer Ziehsohn Egon Krenz fürchtete, die Jugend könnte „durch (Lindenbergs) Musik und seinen Habitus zu unkontrolliertem politischen und rowdyhaften Verhalten angeregt werden“. Die Angst vor dem Rowdytum hatte die DDR-Oberen auch ein viertel Jahrhundert nach den Ausschreitungen während der sogenannten Beat-Demo in Leipzig nicht verlassen. Immerhin erlaubte das Politbüro mittlerweile sogar den Kulturaustausch in die andere Richtung. Die Ost-Berliner Band Silly um die charismatische Sängerin Tamara Danz durfte 1989 ihr neues Album, das natürlich bei der staatseigenen Schallplattenfirma Amiga erschien, vom westdeutschen Label Ariola koproduzieren lassen; und das war wohl auch der Grund, warum die DDR-Zensurbehörde nicht ganz so genau hinhörte – man wollte sich vorm Klassenfeind keine Blöße geben – und einige Textstellen passieren ließ, die unter normalen Umständen niemals durchgegangen wären:

Immer noch schwimmt da vorn der Eisberg nur die Spitze ist zu sehn. Immer noch Träumen wir von Heimkehr und vertrau’n dem Kapitän. Immer noch glaubt der Mann im Ausguck einen Silberstrand zu sehn. Immer noch findet sich keiner der ausspuckt und keiner darf beim Kompass steh’n.

Auch wenn außer dem Mann im Ausguck niemand die Erlaubnis hatte, in den Westen zu sehen, konnte man die Musik, die in der Bundesrepublik gemacht wurde, in den Hardrock-Gitarren und dem Neue-Deutsche-Welle-Rhythmus bereits ziemlich deutlich hören. Und doch klangen diese Lieder mit ihren rätselhaften und blumigen Metaphern in ihrer weihevollen Intonation für Westohren wie Poesie aus einem fremden Land und einer anderen Zeit. Die Platte hieß Februar. In dem Titel steckte das Wintergrau des DDR-Alltags ebenso drin wie die Hoffnung auf den bald anbrechenden Frühling. Eine solche Aufbruchsstimmung fand sich etwa auch auf dem zeitgleich erschienenen Album Neue Helden der Puhdys, die jedoch – ähnlich wie City bei ihrem Konzert in Weißensee – zu sehr mit dem System identifiziert wurden und daher nicht als Galionsfiguren für den Neuanfang taugten. So wurde Februar der lyrischen Freizügigkeit wegen der Soundtrack der revolutionären Ereignisse der kommenden Monate, und von staatlicher Seite schien niemand mehr den Willen zu haben, das zu verhindern. Selbst eine Beschwerde der Reichsbahn gegen eines der neuen Silly-Lieder wurde abgewiesen. Dort fand der Bordservice der DDR-Züge, die Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktiengesellschaft, kurz: MITROPA, Erwähnung und wurde mit einem geflügelten Wort aus der Einleitung des Kommunistischen Manifests von Karl Marx und Friedrich Engels kurzgeschlossen, das besagt, in Europa gehe ein Gespenst um – „das Gespenst des Kommunismus“. In dem beanstandeten Lied spukte dies nun allerdings nur noch zwischen Gräbern:

Der liebe Gott hat sich lange verpisst, weil für ihn hier nix mehr zu machen ist. Es geht ein Gespenst in der Mitropa um Es spukt auf dem Friedhof der Träume

Apropos Zombies: Die Altherrenherrschaft der SED bröckelte gewaltig, ja, das Ende des Sozialismus, wie man ihn kannte, schien in der Luft zu liegen. Die wirtschaftliche Lage der Warschauer-Pakt-Staaten war prekär. Technisch waren sie auf dem Weltmarkt schon lange nicht mehr konkurrenzfähig, die veralteten Produktionsanlagen belasteten zudem Umwelt und Gesundheit ¬– immer öfter fuhren Lautsprecherwagen durch die mit stinkenden Chemiewerken aus den Fünfzigerjahren geschlagene Region Leipzig-Halle-Bitterfeld und wiesen die Bewohner an, Fenster und Türen geschlossen zu halten –, ganz zu schweigen von den Folgeschäden der Reaktorkatastrophe im sowjetischen Tschernobyl. Die Sowjetunion sah sich finanziell nicht mehr in der Lage, den Rüstungswettlauf mit den USA weiter durchzuhalten. Ein Politikwechsel und eine grundlegende Gesellschafts- und Systemreform waren nötig. Im Dezember 1988 stellte Michail Gorbatschow vor der UN-Generalversammlung in New York erste Abrüstungsschritte in Aussicht. Wenig später distanzierte der Generalsekretär sich auch noch von der sogenannten Breschnew-Doktrin, die den sozialistischen Bruderstaaten nur eine „beschränkte Souveränität“ zugestand und der Sowjetunion jederzeit die Möglichkeit gab, einzuschreiten, falls sie in einem Land den Sozialismus gefährdet sah. Gorbatschow hingegen gestand jedem Staat zu, seine eigene Staatsform zu wählen und seine eigenen Reformen durchzuführen. In Anlehnung an den in der Version von Frank Sinatra populär gewordenen Paul-Anka-Song „My Way“ nannte man den liberalen Grundsatz des sowjetischen Staatsoberhauptes daher auch „Sinatra-Doktrin“. Das überalterte SED-Politbüro blieb allerdings – obwohl die Mängel immer offensichtlicher wurden –, weiter auf dem starren Kurs der Reformverweigerung. Während einer Unterredung mit der DDR-Führung im Schloss Niederschönhausen im Oktober 1989 wurde Gorbatschow dann allerdings ziemlich deutlich und erklärte, es seien nun „kühne Entscheidungen“ von Nöten, wenn man nicht untergehen wolle. Während eines Empfangs im Palast der Republik anlässlich des vierzigsten Geburtstages der DDR skandierten einige versprengte Demonstranten, die sich nach einer Protestkundgebung am Alexanderplatz verirrt hatten, vom anderen Spreeufer wieder „Gorbi! Gorbi! Gorbi!“ und „Wir sind das Volk!“, und Polizei und Staatssicherheit gingen erneut mit Gewalt gegen sie vor. Die Lage drohte zu eskalieren. Es war schließlich Kronprinz Krenz, der den alten unwilligen Honecker dazu zwingen wollte, im Namen der Parteiführung eine mild selbstkritische Proklamation zu veröffentlichen und der auch die Sicherheitsorgane bei der nächsten Montagsdemonstration in Leipzig deeskalierend an der kurzen Leine hielt. Schließlich gelang es ihm mit einiger Hilfe aus dem Parteigremium, den starrsinnigen siebenundsiebzigjährigen Erich Honecker zum Rücktritt zu bewegen und selbst das Amt des Staatsratsvorsitzenden zu übernehmen. Die Proteste gingen allerdings trotzdem weiter. Auf dem Berliner Alexanderplatz und in der Leipziger Innenstadt versammelten sich Anfang November jeweils mehr als eine halbe Million Menschen, und fast eine Viertelmillion machte sich in diesen Tagen auf den Weg in den Westen. Krenz sah sich gezwungen, möglichst schnell zu handeln, und übergab Günter Schabowski, der sich gerade auf dem Weg ins internationale Pressezentrum am Alexanderplatz befand, am 9. November 1989 ein zweiseitiges Papier mit neuen Reisebestimmungen. Der so überraschte und sichtlich verwirrte neue ZK-Sekretär für Information trug die wesentlichen Punkte gleich vor der versammelten Presse vor: Anträge auf Reisen ins Ausland könnten ohne Vorbedingung gestellt werden. Auf die Frage eines Journalisten, ab wann denn diese neue Vorordnung gelte, erklärte er verunsichert in seinen Unterlagen blätternd: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Nicht wenige dürften, als sie mit ihren Zweitakterwagen Richtung Berliner Mauer fuhren und überforderte Beamte ohne klare Anweisungen dazu zwangen, die Grenzen zu öffnen, an diesem Abend die Stimme von Tamara Danz im Ohr gehabt haben:

In die warmen Länder würden sie so gerne flieh’n, die verlorenen Kinder in den Straßen von Berlin. Zu den alten Linden, die nur in der Ferne blüh’n, die sie nicht mehr finden in den Straßen von Berlin.

Sie sprach sich allerdings Ende November im Aufruf „Für unser Land“ gemeinsam mit anderen Künstlern und Intellektuellen aus dem Osten gegen eine politische und wirtschaftliche Vereinnahmung der DDR durch die Bundesrepublik und somit auch gegen eine Wiedervereinigung aus. Sie glaubte an die Möglichkeit der „revolutionären Erneuerung“ der DDR. Der neue Staat sollte ein demokratisch-sozialistischer Gegenentwurf zur Bundesrepublik werden. Vielleicht ist das der Grund, warum nicht sie es war, die schließlich am Silvesterabend 1989 vor dem Brandenburger Tor singen durfte, sondern der Ur-Ur-Enkel einer Auswanderin, der eine alberne blinkende Jacke trug. Dass er es war, der die Mauer quasi im Alleingang niedergesungen haben soll, ist eines der Missverständnisse, denen man als Deutscher auf Reisen seitdem immer wieder mal begegnet. Andererseits entwickelte sich durch diesen misslichen Umstand im Ausland so langsam ein neues Deutschlandbild, für eine jüngere Generation waren die Deutschen plötzlich nicht mehr länger die Nation, die zwei Weltkriege angezettelt und Millionen von Menschen auf dem Gewissen hatte, sondern einfach das Volk, das verwunderlicher Weise David Hasselhoff liebte. Vor einem solchen Volk muss man wirklich keine Angst haben. Dachte man damals.

Vielleicht hat dieses neue Image bei der Wiedervereinigung tatsächlich ein wenig geholfen und wirkte ähnlich beschwichtigend wie die so gar nicht staatsmännische Strickjacke, die Helmut Kohl im Juli 1990 trug, als er Michail Gorbatschow im kaukasischen Schelesnowodsk besuchte, um mit ihm durch die Wälder zu spazieren, über eine mögliche Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zu diskutieren und schließlich – Außenminister Genscher und der Rest der Delegation durften sich dazugesellen – auf einer Sitzgruppe aus Baumstämmen Rast zu machen. Die Stimmung war so ungezwungen, dass Genscher quasi nackt, also ohne seinen gelben Pullover, fürs Foto posierte. Am Ende des Treffens verkündeten Gorbatschow und Kohl dann im überfüllten Auditorium einer Lungenheilanstalt, Deutschland erhalte mit dem Zeitpunkt seiner Vereinigung seine uneingeschränkte Souveränität und könne selbst entscheiden, welchem Bündnis es künftig angehören wolle. Auch der zügige Abzug der sowjetischen Truppen aus dem Osten des Landes werde nun verhandelt. Aufgrund der wirtschaftlichen Zwangslage der DDR sei zudem Eile geboten und die Einheit müsse möglichst schnell von statten gehen – nämlich bereits am 3. Oktober. Am 12. September wurde in Moskau der sogenannte Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet, in dem die vier Alliierten mit den beiden deutschen Staaten die Einheit besiegelten. Die DDR würde der Bundesrepublik beitreten, die D-Mark und das Grundgesetz übernehmen, das laut Präambel ursprünglich „dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung“ hatte geben sollen. Für Visionen und Diskussionen, wie ein neues Deutschland mit einer neuen Verfassung hätte aussehen können, die das ursprünglich dem Kommunismus zugrunde liegende Prinzip der Gleichheit aller Menschen mit dem kapitalistischen der Freiheit aller Menschen hätte verbinden können, war angeblich keine Zeit. Außerdem schien es so etwas in der Art auch schon zu geben: das bundesrepublikanische Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft. Und so versprach Helmut Kohl im Juli 1990 in seiner Fernsehansprache anlässlich des Inkrafttretens der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion: „Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“ Wenige Wochen vor der in Kraft tretenden deutschen Einheit veröffentlichte Marius Müller-Westernhagen eine Live-Version seines schon drei Jahre alten Liedes „Freiheit“, das, wie er später erklärte, von der Französischen Revolution inspiriert worden war:

Alle, die von Freiheit träumen, sollen’s Feiern nicht versäumen.

„So wie wir heute Abend hier“, schreit der Sänger dann und die Menge jubelt.

Sollen tanzen auch auf Gräbern. Freiheit, Freiheit, Ist das Einzige, was zählt.

Gefeiert wurde die neue Freiheit in den nächsten Wochen auch durchaus. Mit den anderen beiden Idealen der Französischen Revolution, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, tat sich das neue Deutschland allerdings in den nächsten Jahren noch ein bisschen schwer. Das Gespenst, das nun umging in Europa, war nicht jenes, das Karl Marx und Friedrich Engels einst heraufbeschworen hatten, aber es war sicher nicht weniger unheimlich. Hätten doch nur mehr Menschen – so wie der Protagonist aus David Hasselhoffs „Looking For Freedom“ – den Verlockungen des Vaters widerstanden, der ihnen weiß machen wollte, Freiheit sei käuflich.