Essay · Pop
Kann man über Architektur tanzen?
„Über Musik zu schreiben ist wie über Architektur zu tanzen“, ist ein beliebter Spruch, um einen Musikjournalisten zum Schweigen zu bringen. Wer ihn als Erster gesagt hat, ist nicht klar nachzuweisen. Frank Zappa, Steve Martin und Elvis Costello wurden etwa schon als seine Urheber genannt. Aber vermutlich stammt er vom amerikanischen Schauspieler, Komiker und Musiker Martin Mull. Die Wahrheit hinter dieser Pointe ist zumindest für Musikjournalisten gar nicht so komisch: Musik lässt sich nicht vollständig in Worten und Begriffen fassen, denn sie ist ein nichtbegriffliches Medium und geht somit über die Sprache hinaus – oder vielmehr: Sie ist eine eigene Sprache. Und so wie es keinen Sinn ergibt, den Bau eines Hauses mit einem Tanz zu beschreiben, kommentieren oder kritisieren, kann man ein Musikstück eigentlich auch nicht mit Worten beschreiben, kommentieren oder kritisieren.
Es ist sicher kein Zufall, dass es weniger Bücher über James Brown gibt – dessen Kunst überwiegend aus Groove und Tanz und jenseits der Wortbedeutung liegenden Ausrufen und Songzeilen besteht – als über Bob Dylan, der für seine Texte fast zwangsläufig mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet werden musste. Die Anzahl der Bücher ist in diesem Fall kein Zeichen größerer Relevanz. Sie erklärt sich vielmehr daraus, dass Bob Dylans Kunst der gemeinhin eher vom Intellekt her genutzten Sprache näher ist und sich daher leichter mit sprachlichen Mitteln erfassen lässt. Ein expressiver Temperamentsbolzen wie James Brown ist Dylan nicht. Aber natürlich lässt sich auch ein Dylan-Song nicht auf seinen Text und die Wortbedeutungen reduzieren; der Klang der Stimme, die Betonung, die Melodie, das Arrangement sind ebenso entscheidend, und der Zusammenklang von alldem erzählt noch mal eine ganz andere, nicht in Begriffen fassbare Geschichte. Diese wiederum kann sich von Aufführung zu Aufführung ändern: „Unsere Lieder leben im Land der Lebenden“, hat Dylan in seiner Nobelpreisrede gesagt. „Aber Lieder sind anders als Literatur. Sie sollen gesungen werden, nicht gelesen. Die Worte in Shakespeares Dramen sollten auf der Bühne gespielt werden. So wie Texte in Liedern gesungen und nicht auf einer Seite gelesen werden sollen.“
Also, ja, es ist nicht so leicht mit dem Schreiben über Musik. Vielleicht muss man ein wenig bescheidener sein und eine andere Präposition wählen: Man schreibt nicht über, sondern zur Musik.
Man beleuchtet die Hintergründe der Produktion, die Herkunft und Haltung der Künstler, ihren soziopolitischen Hintergrund, den musikalischen Kontext, in dem sie sich bewegen, die Vorbilder, auf die sie sich berufen, die Form ihrer Inszenierung und Darbietung, ihre Kleidung und Frisuren, das Image, das sie sich oder jemand ihnen gibt, die Geschichten und Mythen, die sich um sie ranken, die Kontexte, in denen ihre Musik gehört und eingesetzt wird, die Emotionen, die sie auslöst und so weiter und so fort.
„Zur Musik zu schreiben ist wie zur Architektur zu tanzen.“ Das ergibt schon mehr Sinn. Schaut man auf ein Gebäude oder einen Platz oder eine Straße, scheinen die Menschen, die man dort sieht, tatsächlich eine Art Tanz zu vollführen. Man konstruiert Muster und Choreografien. Die Menschen kommentieren die Architektur, indem sie beispielsweise Blumen vor die Fenster oder auf den Balkon stellen; erklären sie mit Straßenschildern; deuten sie gegen den Strich, indem sie eine Bank als Skateboard-Absprungrampe nutzen; kritisieren sie, indem sie Graffitis auf die Mauern sprühen. Dieser Tanz erfüllt die Architektur mit Leben, gibt ihr eine Funktion, einen Zweck und einen Zusammenhang. Das Schreiben und natürlich auch das Reden über Lieder, Künstler, Arrangements und Zusammenhänge tun dasselbe mit der Musik.
Es ist unwahrscheinlich, dass ich mich ohne begleitende Texte – Kritiken, Geschichten und Interviews in Zeitschriften – so sehr für Musik interessiert hätte. Ich las in den Neunzigerjahren in der SPEX über die neuesten Diskussionen, die sich um die Musik von Hamburger Bands wie Blumfeld, Die Goldenen Zitronen, Die Sterne oder Cpt. Kirk &. rankten. Ihre Lieder und die Artikel über sie setzten sich nach der Wiedervereinigung mit dem Leben in diesem neuen Land, in dem auch ich lebte, auseinander. Ich hatte das Gefühl, der Dialog zwischen Künstler und Kritiker sei ebenso Teil der Kunst wie die Akkorde und Rhythmen.
In der letzten Woche des Monats konnte ich vormittags oft das Haus nicht verlassen, weil ich auf das Eintreffen der neuesten Ausgabe des ROLLING STONE wartete, süchtig war nach den Texten bestimmter Autoren, deren Kritiken ich wieder und wieder las und manchmal faszinierender fand als die Platten, die sie darin beschrieben. Einige Sätze daraus kann ich heute noch in etwa hersagen oder doch zumindest herfühlen.
Ein Fremder in seiner Zeit gibt da laut, einer, für den die Zeit überhaupt kein Faktor zu sein scheint, in seinem eng und wirr gesponnenen Kokon aus verletztem Stolz und verschmähter Liebe.
Das Pulp-Gefühl: Die Welt mag in Trümmern fallen – Baby, was kümmert es uns?
In den alten Zeiten gab es Musik, die den Geist der Gegenwart atmete: Sie enthielt alles, so scheint es jedenfalls in der Rückschau, was ihre Entstehung bedingt hatte.
Ich lernte viel über diese alten Zeiten, die Geschichten und Mythen und Meisterwerke des Pop, und hörte danach vieles anders als zuvor. Solomon Burkes inniges Liebeslied „Got To Get You Off Of My Mind“ ist nicht mehr dasselbe, wenn man weiß, dass er es am 11. Dezember 1964 wenige Stunden nach dem Mord an seinem engen Freund Sam Cooke in seinem Hotelzimmer schrieb, wo aber vor allem ein Einschreiben von der Mutter seiner elf Kinder auf dem Schreibtisch lag, die die Scheidung wollte. Davon handelt der Song. Auf eine sehr realistische und tiefe Art.
Auch die Utopie hinter Joni Mitchells „Woodstock“ erklärt sich erst, wenn man weiß, dass sie bei jenem Festival 1969 gar nicht dabei war, weil sie auf Anraten ihres Managers in New York geblieben war, damit sie auf keinen Fall die Aufzeichnung der Fernsehshow des Talkmasters Dick Cavett verpasste, die bei der jungen Zielgruppe sehr beliebt war. Sie schrieb das Stück ebenfalls in ihrem Hotelzimmer, während die ersten Bilder der „3 Days of Peace & Music“ über den Fernsehbildschirm flimmerten.
Und natürlich muss man nicht nur die Tragödie von Amy Winehouse kennen, um ihren größten Hit „Rehab“ zu verstehen, man muss auch wissen, dass der „Ray“ in der Zeile „I’d rather be at home with Ray“ der blinde Soulmusiker Ray Charles ist, der sechzehn Jahre lang heroinsüchtig war, und dass die Zeilen „There’s nothing you can teach me / That I can’t learn from Mr. Hathaway“ sich auf den Sänger Donny Hathaway beziehen, der am Ende seines Lebens unter großen Depressionen litt und im Alter von dreiunddreißig Jahren aus dem Fenster eines Hotels in New York stürzte.
Das waren jetzt nur ein paar Anekdoten zum Thema Hotel, dem notgedrungenen Hauptaufenthaltsort des umherziehenden Künstlers. Aber „Hotel“ war für mich hier nur ein zufällig gewähltes Stichwort. Ich hätte auch reichlich Geschichten zur pophistorischen Relevanz von Bars, Betten, Garderoben, Highways oder Flugzeugen auf Lager.
Wie auch immer begann ich irgendwann, auch britische Magazine zu lesen. Der New Musical Express erklärte, was das nächste große Ding werden würde. In Smash Hits, wo die lustigsten und originellsten Texte zur Popmusik zu lesen waren – bei denen allerdings manchmal das Langenscheidt-Wörterbuch an seine Grenzen stieß –, erfuhr man alles über die kunterbunte Welt des Mainstream und die Spleens der Stars (und Journalisten). Und im Mojo war alles über die alten Helden zu lesen; mit dem einen oder anderen konnte ein Musikjournalist sogar noch sprechen.
Jedes Magazin war eine kleine Welt, in die man eintauchen, die man einen Monat lang mit sich herumtragen und überall mit hinnehmen konnte. Und tatsächlich ist das bei mir noch immer so. Natürlich informiere ich mich auch in den Weiten des Internets über die neueste Musik und lasse mich dabei treiben, doch die geschlossene, komponierte Welt eines Magazins – die noch dazu von Leuten stammt, die ich seit Jahren lese und deren Urteil ich vertraue – kann das nicht ersetzen. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich könne die Musik bereits hören, wenn ich etwas zu ihr lese. Und wenn es dann auch noch gut geschrieben ist, ist es wie über die Dächer der Stadt zu tanzen.