Essay · Pop
Was ist noch gleich das beste Album aller Zeiten?
Diese Frage wird besonders in Magazinen und auf Websites, die sich mit Musik beschäftigen, regelmäßig gestellt. Was darauf hindeutet, dass sie sich nicht eindeutig beantworten lässt. Wie auch? Im Gegensatz zum Sport oder zur Wirtschaft lässt sich der Wert eines Albums nicht an Ergebnissen ablesen. Die Frage, welches Album man für das beste aller Zeiten hält, hängt vor allem von der subjektiven Qualität der Empfindung ab, die man spürt, wenn man es hört. Diese wird bei uns allen von unterschiedlichen Erinnerungen, Ideologien, Selbstbildern und Lebenseinstellungen geprägt. Natürlich spielen auch die kulturelle und soziale Wirkung eines Werks bei der Bewertung eine Rolle; aber letztlich geht es, wenn man ehrlich ist, vor allem um Geschmacksfragen, und über die streiten wir ja äußerst gern. Genau das machen sich die Macher solcher Bestenlisten zunutze.
Auffällig oft finden sich auf den vorderen Plätzen dieser Listen Werke aus der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles etwa, Blonde On Blonde von Bob Dylan, Electric Ladyland von Jimi Hendrix, The Velvet Underground & Nico, das Debüt der gleichnamigen Band, oder Pet Sounds von den Beach Boys. Das passt nicht so recht zu der allgemeinen Auffassung, Popmusik müsse immer aufregend, neu und wild sein und ein Spiegel der gegenwärtigen Gesellschaft. Die Gesellschaft, die diese Alben spiegeln, gibt es seit einer halben Ewigkeit nicht mehr. Damals herrschte der Kalte Krieg, die USA kämpften in Vietnam, Deutschland war geteilt, die Fernseher flimmerten noch – meist in Schwarz-Weiß –, und Frauen mussten hierzulande ihre Männer fragen, ob sie eine Arbeit annehmen durften. Diese Platten sind heute zeitlich genauso weit von uns entfernt, wie sie damals vom Ersten Weltkrieg entfernt waren. Warum wollen uns Kritiker trotzdem weismachen, sie seien immer noch die bedeutendsten?
Die Sechziger haben natürlich nicht nur durch den Pop eine zentrale Stellung. Sie stehen auch gesellschaftlich in der westlichen Welt für einen Umbruch. Eine Generation emanzipierte sich von den Werten ihrer Vorfahren, formulierte neue Formen des Lebens und Zusammenlebens, stellte die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit über Pflichtgefühl und Autorität und nutzte die Musik als Medium dieses Wandels. Trotzdem ist ein Kanon natürlich immer eine konservative Angelegenheit und das Gegenteil von aufregend. Und vielleicht ist die Vorherrschaft der Sechzigerjahre in solchen Listen gelegentlich auch dem fortgeschrittenen Alter der befragten Experten geschuldet, die ihrer eigenen Jugend ein Denkmal setzen wollen.
Doch es gibt auch historische Gründe für eine solche Wahl. Die Popmusik trat Mitte der Sechziger ihre Weltherrschaft an. Teenager verfügten über so viel Kaufkraft wie nie zuvor und konnten sich nicht mehr nur Singles, sondern auch teure LPs leisten. Künstler konnten also damit beginnen, ihre Schaffenskraft nicht länger nur auf einzelne Songs, sondern auf die Konzeption ganzer Alben auszudehnen. Sie loteten die narrativen und musikalischen Möglichkeiten des Formats aus und definierten es überhaupt erst als künstlerisches Medium. Künstler aus dem Jazz oder dem für eine ältere Zielgruppe gedachten leichten Entertainment – etwa Frank Sinatra – hatten das Potenzial des Formats zwar schon früher entdeckt, doch die Vorstellung davon, was ein Popalbum eigentlich ist, wird bis heute von den Platten aus der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre geprägt.
Das Album wurde zum großen, bereits erwachsenen Bruder der jungen wilden Single. Mit ihm konnte man sich nicht nur über die großen und existenziellen Themen austauschen. Seine Schöpfer wurden behandelt wie Genies. Dafür war übrigens der frühere Beatles-Pressechef Derek Taylor verantwortlich, der Mitte der Sechziger eine PR-Agentur in Los Angeles betrieb und sich unter anderem um die Vermarktung des musikalisch anspruchsvollen und aufwendig produzierten Beach-Boys-Albums Pet Sounds kümmerte, das nach seiner Veröffentlichung im Mai 1966 in den USA zu einem sehr teuren Flop zu werden drohte.
Im Juli 1966 schrieb Taylor im Magazin Go! unter dem Pseudonym „60er-Hollywood-Reporter Jerry Fineman“: „Dies ist Brian Wilson. Er ist ein Beach Boy. Einige sagen, er sei mehr. Einige sagen, er sei ein Beach Boy und ein Genie.“ Seine Lobpreisung des Produzenten, Sängers und Songwriters schloss er mit den dramatischen Worten: „Er wurde schon oft ein ›Genie‹ genannt, und es ist eine Last.“
Natürlich hatte bis dahin niemand Wilson ein Genie genannt – Taylor beziehungsweise der feine Herr Fineman taten es gleich zweimal. Ein solches Attribut war für Popmusiker bis dahin nicht vorgesehen, sondern der Hochkultur vorbehalten. Und dem Jazz. Das legendäre Plattenlabel Blue Note veröffentlichte Anfang der Fünfzigerjahre einige Aufnahmen des exzentrischen Komponisten Thelonious Monk unter dem Titel The Genius of Modern Music. Das war zunächst nur eine Behauptung. Ein Jahrzehnt später zweifelte jedoch niemand mehr daran, dass Monk ein Genie war – völlig zu Recht übrigens. Vermutlich hatte Taylor aus dieser Geschichte gelernt. Durch seine Kampagne wurde Wilson zum Sinnbild des einsamen romantischen Genies der Popmusik, und Pet Sounds gilt bis heute als sein Vermächtnis vor dem Wahnsinn.
Ein solcher Mythos kann entscheidend sein, wenn es um die Wahl des besten Albums aller Zeiten geht. Menschen lieben Geschichten; sie gehören bekanntlich ebenso zu einem Werk wie die Musik. Auch das ist ein Grund, warum Alben aus jener sagenhaften Zeit, als die Entstehung von Musik noch etwas Geheimnisvolles war und nicht täglich mit Bildern und Videos aus dem Studio in den sozialen Medien dokumentiert wurde, in Ranglisten häufig die Nase vorn haben.
Auch mir ist eine Faszination für solche Popmythen nicht fremd. Zum Beispiel liebe ich die Vorstellung, dass die hippste Person des Planeten, ein spilleriges, von Amphetaminen aufgekratztes, androgynes Wesen namens Bob Dylan, 1966 mit einigen New Yorker Freunden in das konservative Country-Nest Nashville einfiel, weil es dort die besten Musiker gab, um in der Music Row – so heißt der Bezirk mit den Tonstudios – ein Album mit New Yorker Nachtstücken aufzunehmen. So entstand die erste Doppel-LP des Pop, Blonde On Blonde, die ich meist nenne, wenn ich nach dem besten Album aller Zeiten gefragt werde. Wenn ich ehrlich bin, ist das beste Album aller Zeiten aber oft gerade jenes, das ich im jeweiligen Moment höre.