Cover von Schöner kann es gar nicht sein

Sachbuch

Schöner kann es gar nicht sein

The Beatles von 1957 bis 1970

Verlag Andreas Reiffer · 2021

Einleitung

Im September 2019 schrieb ich in einer Ankündigung zur Oktoberausgabe des Rolling Stone mit einer Titelstory zum 50. Geburtstag vonAbbey Road in den sozialen Medien etwas vollmundig: „Ich schätze, all meine Beatles-Artikel der letzten Jahre würden zusammen mittlerweile ein gar nicht so dünnes Buch ergeben.“ Mein hochgeschätzter Kollege Frank Schäfer hat sich ein Jahr später dankenswerterweise daran erinnert, als er mit dem Verleger Andreas Reiffer über mögliche Buchprojekte sprach. So ist daraus nun tatsächlich ein Buch geworden, das, erweitert um viele bisher unveröffentlichte Texte, persönliche Erläuterungen und die wundervollen Illustrationen von Karsten Weyershausen, tatsächlich gar nicht mal so dünn ist. It took me years to write, will you take a look?

Leseprobe

Weit und breit kein Pilzkopf in Sicht. Camillo Felgen schaut auf die Uhr. Sie haben schon fast eine Stunde Verspätung. Der elegante Sänger und Radiomoderator aus Luxemburg wartet in einem Tonstudio an der Rue de Sèvres im vornehmen Pariser Vorort Boulogne-Billancourt. Neben ihm sitzt Otto Demmler von der deutschen Niederlassung der Plattenfirma EMI in Köln, der die Idee zu dieser Reise hatte. Er hatte ihm, Felgen, den Auftrag gegeben, die beiden größten Hits der britischen Band The Beatles, „She Loves You“ und „I Want To Hold Your Hand“, ins Deutsche zu übersetzen, denn mit dieser englischsprachigen Musik, so glaubte Demmler, könne ein Großteil der bundesrepublikanischen Jugend nicht viel anfangen. Und nun sollte Felgen den vier jungen Männern mit den langen Haaren helfen, seine Texte fehlerfrei zu singen. Sie konnten zwar ein bisschen Deutsch, weil sie zwei Jahre lang regelmäßig längere Gastspiele im Rotlichtmilieu von St. Pauli bestritten hatten, aber vermutlich würde das nicht reichen, um unfallfrei durch die beiden Lieder zu kommen.

Ihr Tontechniker Norman Smith und ihr Produzent George Martin waren bereits da, und Demmler ging zu ihnen in den Kontrollraum, um zu fragen, wo die Band denn bliebe. Martin rief sofort im noblen Hotel George V. im 8. Arrondissement an, wo die Beatles untergebracht waren. Es ging aber nur ihr Freund und Assistent Neil Aspinall ans Telefon. Er erklärte, die Beatles hätten keine Lust auf so eine alberne Aufnahmesession und sich entschlossen, im Hotel zu bleiben. Martin, nicht nur der Produzent der Band, sondern mit seinen 38 Jahren auch eine Art Erziehungsberechtigter, nahm gleich ein Taxi, um seine Jungs persönlich ins Studio zu zerren. So hatten sie ihn noch nie hängen lassen.

Als er an der Avenue George V aus dem Taxi stieg, schäumte er vor Wut. Rannte die Treppen zur Beatles-Suite hoch, riss die Tür auf und sah eine gemütliche Teerunde, in deren Mitte die rothaarige Schauspielerin und McCartney-Freundin Jane Asher an ihrer Tasse nippte und aussah wie Alice im Wunderland. Als die Beatles sahen, wer da in den Raum gestürmt war, stellten sie hektisch ihre Tassen ab, stoben in alle Richtungen und versteckten sich hinter Sofas, Stühlen und Lampenschirmen, wie anderthalb Jahrzehnte später die Mitglieder der Volksfront von Judäa bei einer römischen Razzia in Monty Pythons Das Leben des Brian. Da musste selbst der strenge und immer korrekte Martin lachen.

Zwei Tage später kamen die vier dann doch noch ins Studio. Eigentlich wollten sie nur ihre nächste Single „Can’t Buy Me Love“ aufnehmen, die bereits im März erscheinen sollte, aber wo sie schon mal da waren, erklärten sie sich reumütig bereit, auch die beiden deutschen Lieder einzusingen. Camillo Felgen war vor Ort und zeigte ihnen seine Texte. Er hatte versucht, die Übersetzungen möglichst einfach zu halten, damit sie leicht zu singen waren. Das wurde den Originalen nicht unbedingt gerecht, zumal er mit seinen 43 Jahren nicht gerade auf der Höhe der Jugendsprache war. So machte er aus dem lässigen „She says she loves you / And you know that can’t be bad“ das schlagerhafte „Oh, ja sie liebt dich / Schöner kann es gar nicht sein“.

Dass in Übertragungen jeglicher Art immer etwas verloren geht – egal ob man einen Text vom Englischen ins Deutsche übersetzt oder versucht, den Reiz eines Songs in einer Rezension in Sprache auszudrücken, ob man über eine andere Kultur schreibt oder als Nachgeborener über ein historisches Phänomen –, wurde mir sehr schnell klar, als ich begann, für den Rolling Stone über Popmusik zu schreiben. Doch im besten Fall können Leser solcher Übertragungen auch etwas gewinnen: ein Verständnis und eine emotionale Direktheit, die sich nur in der Muttersprache einstellen auf der einen Seite, eine Distanz, die einen Zusammenhänge besser erkennen lässt, auf der anderen. Das ist jedenfalls immer meine Hoffnung, wenn ich über Musik schreibe. Abgesehen davon möchte ich natürlich meine Liebe zum Gegenstand meines Schreibens vermitteln. Daher schien mir der Titel „Schöner kann es gar nicht sein“ – als Charakterisierung eines Traumjobs, über das Schreiben zu dürfen, was einen mit Leidenschaft erfüllt, und zugleich als Erinnerung an den ersten Beatles-Übersetzer im Speziellen und die Probleme der Übersetzung im Allgemeinen – geradezu ideal für diesen Band, der viele der Texte vereint, die ich in den vergangenen Jahren über die Beatles geschrieben habe.

Ende der Leseprobe