Cover des Romans Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo

Roman

Wie jeder weiß,
ist das hier
das Nirgendwo

Ventil Verlag, Mainz
2026

ISBN 978-3-95575-259-0

Bildungs- und Künstlerromane haben mich schon immer fasziniert. Sie erzählen von Menschen, die ihren Platz in der Welt suchen – oder gerade deshalb keinen finden oder finden wollen, weil sie einer besonderen Berufung folgen. Aber was, wenn das alles scheitert? Wenn jemand keinen Platz in der Gesellschaft findet, weil er der Kunst folgt, ohne selbst Künstler zu sein?

Dafür schien mir die Popkultur der ideale Bezugspunkt. Anders als in der klassischen Kunst steht in ihr bereits dem Namen nach nicht der Schöpfer, sondern der Konsument im Mittelpunkt. Peter Justen lebt von Büchern, Liedern, Filmen und Gesprächen über sie. Er richtet sein Leben nach den Versprechen einer Popkultur aus, die früher einmal Gegenkultur hieß: dem Versprechen eines freieren, klügeren, anderen Lebens jenseits der bürgerlichen Gesellschaft.

Mit Ende vierzig muss er erkennen, dass diese Versprechen sich nicht einlösen lassen. Nicht weil die Kunst ihn enttäuscht hätte, sondern weil sie niemals dazu bestimmt war, ein Leben zu ersetzen. Zugleich lebt er in einer Zeit, in der sich auch die kulturellen Koordinaten verschoben haben. Anders als noch die Helden der Popromane der neunziger Jahre kann er nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass die Welt seine Perspektive teilt. Er gehört plötzlich selbst zu denen, die lernen müssen, sich neu zu verorten.

Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo ist deshalb nicht nur ein Roman über Herkunft und Rückkehr. Er ist auch ein Roman über das Ende einer kulturellen Selbstverständlichkeit – und über die Frage, was von den Versprechen der Popkultur bleibt, wenn man älter wird.

Stimmen

»Das ist alles so kolossal gut beobachtet und geschrieben, und ich konnte das so gut nachempfinden. Selten hat jemand diesen Zwiespalt unserer ländlichen Herkunft und popkulturellen Prägung so auf den Punkt gebracht.«
Jan Brandt
»Mit Vollgas durch den Pop-, Entwicklungs- und Bildungsroman – und zwar im Rückwärtsgang! So was geht nicht ohne Blutvergießen ab. Und da es sich um das heiße Herzblut eines kenntnisreichen, humorvollen, beseelten, stilsicheren Stuntman vom Schlage Maik Brüggemeyers handelt, feiert das vampirische Publikum – wir – ein wahres Bacchanal.«
Frank Schulz

Aus dem Roman

Das ist die erste Prüfung, dachte er. Mehr als das. Eine Initiation. Man hatte ihm den Schlüssel zu diesem Land gegeben. Wenn er es schaffte, sich selbst und seine Ängste zu überwinden, stand es ihm offen, und er konnte es erforschen. Wenn ihm durch dieses Ritual der Sprung in die neue Welt gelänge, würde er ein anderer sein. Und nicht nur das: Auch seine alte Welt, in der er sich auskannte und von der er dachte, sie wäre sein Zuhause, würde danach eine andere sein. Wer hatte das noch mal geschrieben? Lévi-Strauss? Geertz? Egal. Wen interessierte das schon noch.

Er brauchte diese Namen dort, wo er nun war, nicht mehr. Ethnologische Kenntnisse würden ihn nicht weiterbringen. Er musste diesen weißen Golf, der ihm nur wenige Meter entfernt hinter der sich automatisch öffnenden Glastür auf dem Redaktionsparkplatz den Rücken zuwandte, starten und beherrschen. Wann hatte er zuletzt am Steuer eines Autos gesessen? Es musste fast drei Jahrzehnte her sein. Mit neunzehn. Wann hatte er zuletzt eine solche Angst gehabt? Bei seiner Führerscheinprüfung? Beim ersten richtigen Date mit Lilo? Vor seinem Treffen mit Michel Houellebecq?

Er öffnete die Wagentür, setzte sich hinein, legte seinen Rucksack auf den Beifahrersitz, suchte nach dem Zündschloss. Aber da war kein Zündschloss. Dort, wo er es vermutete, befand sich ein weißer Knopf, auf dem – etwas widersprüchlich – Start ENGINE Stop stand. Er drückte ihn sachte. Nichts passierte. Er schaute in den Fußraum. Da waren zwei Pedale. Mussten es nicht eigentlich drei sein? Okay, klar, ein Automatikgetriebe. Ganz doof war er nicht. Oder? Er trat das linke Pedal. Das musste, wenn er sich richtig erinnerte, das Gas sein. Nichts regte sich.

Er trat auf das rechte. Der Start-ENGINE-Stop-Knopf leuchtete nun grün. Er drückte erneut. Diesmal fester. Es piepte. Erst leise, dann lauter. Wurde zu einem unerträglichen, jede Hirntätigkeit unterbindenden Lärm. Er hatte das Bewusstsein des Autos aktiviert, und es schien erkannt zu haben, dass er hier nicht hin-gehörte. Es war geradezu aufgebracht. Außer sich. Das Display vor ihm, auf dem ein Schema des Wagens zu sehen war, blinkte an der linken Vorderseite panisch. Das Auto rollte langsam vorwärts. Er hatte wohl vor Schreck den Fuß vom Pedal genommen. Panisch trat er wieder auf die Bremse. Schloss die Augen. Hielt sich die Ohren zu. Merkte, wie sein Herz hinauswollte aus dem Körper, aus dem Fahrzeug. Es wollte sich retten. Er wollte sich retten. Gab es sowas wie einen Schleudersitz?

Nicht durchdrehen. Beruhige dich. Durchatmen. Augen auf. Sieh dich um. Sein Blick fiel auf den Anschnallgurt. Er griff nach ihm wie ein Ertrinkender nach einem Rettungsring, führte die Metallzunge in das Gurtschloss. Das ohrenbetäubende Piepen stoppte. Er atmete mehrere Male tief durch.

Sein Blick fiel auf den Schalthebel. Lauter Buchstaben. P, R, N, D, S. Diese Reihung ließ ihn an den Tag denken, als er sich, die Billigklampfe auf dem Schoß, die ihm sein Onkel geschenkt hatte, zum ersten Mal über Peter Bursch’s Gitarrenbuch (nur echt mit dem Apostroph) gebeugt hatte. Die Namen der Saiten. E, A, D, G, h, e. Ein Anfänger der Gitarre hat Energie. So sollte man sich das merken. Was war der passende Merksatz für P, R, N, D, S? Pinguine räumen nie den Schnee? Pfiffige Rentner nehmen die Straßenbahn?

Das P, auf dem der Schalthebel des parkenden Autos ruhte, musste für Parking stehen. Das R dann wohl für Run. Das war ihm jedenfalls für eine entscheidende Sekunde logisch erschienen. In dieser Sekunde hatte er den Hebel auf R geschoben und viel zu fest aufs Gaspedal getreten. Es folgten unmittelbar: ein Ruck, ein hohes, fiependes Geräusch aus dem Motorraum, ein lautes Getöse, Geschepper und Geklirr, ein dumpfer Aufprall. Dunkelheit.

Als er die Augen öffnete, befand er sich nicht etwa in einem von piependen Geräten umgebenen Krankenhausbett, sondern saß in verkappter Brace-Position immer noch hinter dem Steuer jenes weißen Golfs. Es waren nur Sekunden vergangen. Er fühlte keinen Schmerz. Hoffte, vielleicht doch noch bewusstlos zu wer-den, um irgendwie aus dieser Situation herauszukommen, ohne dass die Scham ihn auffraß. Aber den Gefallen tat sein Körper ihm nicht. Er öffnete langsam die Wagentür. Hob seine wackligen Beine aus dem Fond des Fahrzeugs auf die unter ihm wie Kies im Falsett singenden Scherben. Blickte um sich.

Die wegen Feierabendnähe ausgedünnte Belegschaft hatte sich im Empfangsraum versammelt. Niemand sagte ein Wort. Niemand bewegte sich. Ein Anblick wie ein Standbild. Im Gesicht von Frau Lebzelter aus der Fotoredaktion, die Fingernägel der rechten Hand nah am grell geschminkten Mund, zeichnete sich trotz Botoxlähmung ein Erschrecken ab. Neben ihr stand, die Arme schützend über seinen Kopf gelegt, Lokal-Redakteur Sebastian Köhler. Herr Rikospaikka vom Reinigungsdienst blickte ängstlich durch die bullaugengleiche Scheibe in der Tür zum Redaktionsbüro. Redaktionsassistent Olaf lugte hinter dem steinernen Empfangstresen hervor, gegen den das Auto wohl gekracht war, und hatte – vermutlich zum ersten Mal überhaupt – seine kleinen weißen Kopfhörerstumpen aus den Ohren genommen. Nur Uwe Schopper vom Sport, der gerade aus dem Klo geschlendert kam, schien unbeeindruckt, sprühte eine Dosis Mundspray in seinen Rachen und schnüffelte unter seinem Jackett, wohl um zu testen, ob er sich so kurz vor Redaktions-schluss noch in Tuchfühlung zu seinen Kolleginnen und Kolle-gen begeben konnte. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war das nicht möglich. Er blieb stehen, wo ihn der olfaktorische Blitz getroffen hatte.

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Alles okay?

Das war Wiebke Buntmacher von der Anzeigenabteilung. Was machte die noch hier? Die war doch sonst freitags immer spätestens um drei Uhr zu Hause bei den Kindern.

Ja, ich glaube schon.

Er stand bereits. Stützte seine lange schlaksige Gestalt aufs arg zerkratzte Dach des Wagens. Vor ihm Scherben. Unter ihm Scherben. Hinter ihm Scherben.

Das ist fast ein Rock-’n’-Roll-Moment, dachte er. So wie der im Pool versenkte Rolls-Royce auf dem Cover dieser größenwahn-sinnigen Oasis-Platte. Nur dass es eben ein VW Golf war. Und die Rezeption einer Lokalzeitungsredaktion. Da fehlte es wohl doch an Glamour, um sein Ungeschick als hedonistische Geste deuten zu können.

Er setzte sich auf einen Stuhl, den irgendwer hingestellt hatte. Vermutlich Wiebke.

Puh, stöhnte er.

Was ist passiert?, fragte Wiebke. Sorgenfalten auf der gebräunten, von blonden, aus dem Pferdeschwanz entflohenen Strähnen zum Teil bedeckten Stirn. Die grünblauen Augen auf ihn gerichtet, die Nase in Besorgnis leicht gekräuselt.

R steht für rückwärts, sagte er. Mein Fehler.

Was?

Er schüttelte den Kopf.

Tut dir was weh? Soll ich den Krankenwagen rufen?

Er schüttelte noch mal den Kopf.

Er versuchte, ein paar Schritte zu gehen. Es fühlte sich an, als müssten die Beine erst an ihre Funktion erinnert werden. Er musste ein paar Sekunden warten, bis sie sich bewegen ließen.

Aber sie waren ihm nicht geheuer. Irgendwie wackelig wie all die Regale, die er in seinem Leben versucht hatte aufzubauen. Er setzte sich wieder.

Entschuldigung, murmelte er.

Er nippte an einem Glas Wasser, das ihm Wiebke wohl gereicht hatte. Er war sich nicht sicher, was nun zu tun war. Sollte er sich ein Kehrblech holen und alles auffegen? Nein. Vor dem Auffegen stand sicher das Aufnehmen. Durch die Polizei. Wegen der Versicherung. Hatte er eine Versicherung? Er überlegte, wo der große Pappkarton war, in den er immer all die Briefe der Institutionen legte, die sein Leben regelten. Ungeöffnet. Ihn überforderte das alles. Banken, Versicherungen, Finanzämter, Meldestellen. Hatte er den Karton beim Umzug weggeschmissen? Oder stand der noch in dem Wandschrank über dem Bett in der alten Wohnung in Berlin? Er bewegte ruckartig den Kopf, als wollte er den Gedanken abschütteln.

Hatte jemand einen Arzt gerufen? Später konnte sich niemand mehr erinnern. Vermutlich schon. Bei einer Lokalzeitung kannten sich alle aus mit Unfällen und wussten, was zu tun war. Doch ein Krankenwagen kam nicht. Denn der parkte vor Stroth-manns Erlebnishof.

Das war auch das Ziel seiner nur wenige Sekunden dauern-den Jungfernfahrt gewesen.

Er lachte ein wenig irr.

Ich dachte, die Tür wäre offen gewesen, sagte er mehrmals.

Später fand man unter seinen Hinterlassenschaften eine zerlesene grüne Taschenbuchausgabe von Hermann Hesses Steppen-wolf mit durch Eselsohren gekennzeichneten Seiten, auf denen jeweils eine Stelle angestrichen war. Auf Seite 46 etwa die Worte Humor [eingekreist, der Rest der Passage unterstrichen], die herrliche Erfindung der in ihrer Berufung zum Größten, Gehemmten, der beinahe Tragischen, der höchstbegabten Unglücklichen.

Bei Freud las ich kürzlich, Humor ermögliche die Befriedigung eines Triebes [eines lüsternen und feindseligen] gegen ein im Weg stehendes Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lustquelle. Und war nicht auch seine ungewollte abrupte Rückwärtsbewegung der Versuch gewesen, ein Hindernis zu umgehen, nur um vor ein anderes zu stoßen? Also mithin die ultimative Entäußerung von Humor. Oder? Für mich klingt seine verheerende Deutung der Schaltung jedenfalls wie der Ausgangspunkt eines Witzes, den ich vor langer Zeit vergessen habe. Kann das wirklich so passiert sein? Aus Unkenntnis? Unbeholfenheit? Nachlässigkeit?

Es konnte jedenfalls kein Vorsatz festgestellt werden.

Vielleicht kann man aus meiner Beschreibung des Unglücks auch sowas wie eine Wahrheit des Erzählens herauslesen, denn sowohl an dem Unfall selbst als auch an der Art, wie sein Verursacher anschließend mit seiner misslichen Situation umging, wird einer seiner auffälligsten Wesenszüge, ach, was sage ich: sein Zugang zur Wirklichkeit deutlich. Die Situation nicht ernst nehmen, sich selbst nicht ernst nehmen, die Welt nicht ernst nehmen, um so alle Hindernisse zu umgehen, jeder Verantwortung zu entfliehen. Am Ende war für ihn vermutlich nur die Kunst ernst zu nehmen. Ihre Schöpferinnen und Schöpfer – nun, die waren wohl eher hinderlich und mussten daher ebenfalls umgangen werden. Aber ich will nicht vorgreifen.

Ende der Leseprobe