Cover des Romans Catfish. Ein Bob-Dylan-Roman

Roman

Catfish

Ein Bob-Dylan-Roman

Metrolit Verlag · 2015

Alles, was wir über Bob Dylan zu wissen glauben, wissen wir aus seinen Liedern. Und die sind voller Geheimnisse, Masken und unzuverlässiger Erzähler. Als ich mich fragte, wie man einem solchen Künstler überhaupt nahekommen kann, kam mir die Idee, ein Buch zu schreiben, das sich als Sachbuch tarnt, in Wahrheit aber zu großen Teilen erstunken und erlogen ist.

Ein Mann, der meinen Namen trägt, macht sich auf den Weg nach Amerika, um dort seinen Bob Dylan zu finden. Doch er findet nicht nur einen. Man sagt oft, Bob Dylan habe sich immer wieder neu erfunden. Vielleicht hat er das gar nicht. Vielleicht sind wir es, die ihn immer wieder neu erfinden.

Catfish erzählt von dieser Suche – und davon, wie aus Popmusik irgendwann eine Landschaft wird, in der Wirklichkeit und Erfindung nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Aus dem Roman

Es waren nur noch wenige Zuschauer im Zelt, als ein allen Anschein nach schwarzer Mann, der sich sein Gesicht wie ein Pantomime weiß geschminkt hatte und einen Cowboyhut trug, die Bühne betrat und einen alten Hank-Williams-Song anstimmte: „In the world’s mighty gallery of pictures hang the scenes that’re painted from life“, sang er. „There’s pictures of love and of passion and there’s pictures of keys and of strife.“

Neben mir saß ein glatzköpfiger Greis, der in einer schon vergilbten Zeitung las. „DOOMSDAY CLOCK IS 5 TO MIDNIGHT“ schrie die Schlagzeile auf der ersten Seite. Worum es in dem Artikel ging, war von meinem Standpunkt aus nicht zu erkennen. Aber die vermischten Meldungen, in die der Alte vertieft war, konnte ich unauffällig mitlesen: Dort stand, dass ein 24-jähriger weißer Mann in Baltimore eine 51-jährige afroamerikanische Barfrau und Mutter von elf Kindern mit einem Spielzeugstock erschlagen hatte. Der Mörder, leicht dicklich, grinste auf dem grob gerasterten Foto. Die Polizei suchte außerdem den Zeugen für eine nicht näher benannte Tat, die ein junger Bankprokurist aus New Prague, Minnesota, verübt hatte. Der größte Hochofen der Welt war in Duquesne, Pennsylvania, feierlich auf den Namen „Dorothy Six“ getauft worden.

Der Zeitungsleser blickte auf. Ein durch ein Tuch über dem linken Arm als Kellner zu identifizierender Mann, der viel zu große Schuhe trug, ein weißes Hemd und eine sehr weite graue Hose, die nur durch ein Paar schwarzer Hosenträger gehalten wurde, war auf die Bühne gestolpert und zog an einem dicken Strick einen Wagen hinter sich her, auf dem ein gedeckter Tisch mit Kerzen und silbernen Glocken über den Tellern stand. Hey hey, good lookin’. Whatcha got cookin’?, johlte der Sänger. How’s about cookin’ somethin’ up with me? Einige Zuhörer lachten, während der Clown sich wie ein Stummfilmschauspieler mit übertriebenen Gesten den Schweiß von der Stirn wischte. Tatsächlich erinnerte er mit seiner Garderobe, seiner gelockten, leicht grau durchzogenen schwarzen Tolle, seinen linkischen Gesten und seinem verlegenen Lächeln an Chaplins Tramp. Er rieb sich die Hände und watschelte hinter den Tisch, um stolz die kredenzte Mahlzeit zu präsentieren.

Doch als er feierlich die erste Glocke hob, schaute darunter ein Mann mit Strohhut und riesiger Säufernase hervor – das war, wie ich verdutzt feststellte, zweifelsohne der amerikanische Komiker W. C. Fields, oder besser gesagt ein Doppelgänger, denn Fields war schon an die siebzig Jahre tot. Er kaute auf einer dicken Zigarre herum. Der komische Kellner schien das zunächst nicht zu bemerken, erst die Lacher aus dem Publikum brachten ihn dazu, selbst mal auf seinen Teller zu schauen. Mit schreckensweiten Augen starrte er den unerbetenen Essensgast an, der gerade seine Zigarre im Mund wandern ließ – von links nach rechts, von oben nach unten –, dabei die Augen verdrehte und knurrte. Der Tramp stülpte den Deckel schnell wieder über den Teller und wischte sich noch einmal den Schweiß von der Stirn. Der Sänger war mittlerweile verstummt, spielte mit flinken Fingern eine Art Western Swing, der die Komik des Geschehens noch verstärkte.

Ende der Leseprobe